Zwischen Erinnerung und Wirklichkeit
Splitter war für mich wieder eines dieser Bücher, die mir gezeigt haben, weshalb ich Sebastian Fitzek als Autor so faszinierend finde. Nicht unbedingt, weil mich seine Geschichten atmosphärisch vollkommen einnehmen, sondern weil er es schafft, mich mit einer Handlung so sehr zu verunsichern, dass ich irgendwann selbst nicht mehr weiß, was überhaupt noch möglich ist.Gerade die Atmosphäre ist für mich einer der wenigen Punkte, an denen Splitter etwas hinter meinen Erwartungen zurückbleibt. Die Orte und Situationen wurden für mein Empfinden nicht so greifbar, dass ich das Gefühl hatte, wirklich Teil dieser Welt zu sein. Mir fehlten manchmal genau jene Details, durch die eine Umgebung im Kopf lebendig wird. Dadurch blieb ich emotional eher auf Abstand und beobachtete die Geschichte von außen.Der Spannung hat das allerdings nicht geschadet.Was mich an Splitter besonders gefesselt hat, war vielmehr die zunehmende Gewissheit, dass sich all das eigentlich gar nicht mehr rational erklären lassen kann. Je weiter die Geschichte voranschritt, desto weniger glaubte ich daran, irgendwann noch eine nachvollziehbare Antwort zu bekommen. Und erstaunlicherweise wollte ich sie irgendwann nicht einmal mehr unbedingt. Dieser Schwebezustand, in dem nichts mehr eindeutig und beinahe jede Erklärung denkbar schien, hatte für mich einen ganz eigenen Reiz.Irgendwann habe ich deshalb auch aufgehört, selbst nach einer Lösung zu suchen. Ich wollte mich einfach von der Geschichte tragen lassen - und genau das hat hervorragend funktioniert. Die Seiten flogen dahin, während ich immer tiefer in dieses Geflecht aus Wahrnehmung, Erinnerung und Zweifel geriet.Die spätere Auflösung lässt sich durchaus schlüssig zusammensetzen, auch wenn einzelne Aspekte für mich aus einer Richtung kamen, die ich vorher kaum hätte erahnen können. Gleichzeitig bleibt nicht jedes Detail vollkommen ausgeleuchtet. Ein oder zwei kleine Fragezeichen begleiten mich noch immer - und überraschenderweise gefällt mir genau das. Nicht jede Unklarheit muss beseitigt werden. Manchmal macht gerade ein kleiner Rest an Ungewissheit eine Geschichte im Nachhinein noch interessanter.Besonders stark fand ich außerdem die Themen, die Fitzek mit seiner Handlung verbindet. Erinnerung, Trauma, Hochsensibilität und die Frage, wie weit ein Mensch gehen darf, wenn er davon überzeugt ist, im Interesse eines anderen zu handeln. Vor allem der Gedanke, ob man eine traumatische Erinnerung tatsächlich auslöschen wollen würde, beschäftigt mich noch immer. Was bleibt von einem Menschen, wenn man einen Teil seiner Vergangenheit entfernt? Und kann ein vermeintlich guter Zweck tatsächlich jedes Mittel rechtfertigen?Genau solche Fragen geben einem Thriller für mich noch einmal eine zusätzliche Ebene. Die Geschichte endet, aber bestimmte Gedanken bleiben bestehen.Auch die Figuren waren für mich insgesamt gut zugänglich, obwohl ich zu keiner von ihnen eine besonders intensive emotionale Bindung aufgebaut habe. Manche Personen lösten bei mir von Beginn an ein merkwürdiges Gefühl aus, anderen begegnete ich mit deutlichem Misstrauen. Gerade weil ich mir meiner Einschätzungen nie vollkommen sicher sein konnte, passte auch das sehr gut zu dieser Geschichte, in der Wahrnehmung ohnehin ständig infrage gestellt wird.Ein besonderes Highlight sind für mich außerdem Fitzeks kleine interaktive Ideen. Wenn innerhalb des Buches plötzlich Elemente auftauchen, die wie ein tatsächlicher Bestandteil der Geschichte wirken, begeistert mich das sofort. Solche Details verändern für mich das Leseerlebnis, weil die Grenze zwischen Buch und Leser für einen kurzen Moment durchbrochen wird. Ich empfinde das als unglaublich kreativ und wünschte, viel mehr Bücher würden mit solchen Möglichkeiten spielen.Auf einige der actionreicheren Szenen hätte ich hingegen verzichten können. Für mich entsteht die größte Spannung in Splitter ohnehin aus der psychologischen Verunsicherung. Zusätzliche Verfolgungsjagden oder ähnliche Momente braucht eine Geschichte wie diese deshalb gar nicht zwingend. Wirklich gestört haben sie mich allerdings auch nicht.Splitter hat mich letztlich nicht durch eine besonders intensive Atmosphäre oder eine starke emotionale Bindung an seine Figuren überzeugt. Stattdessen hat mich das Buch auf einer ganz anderen Ebene gefesselt: durch die permanente Unsicherheit darüber, was real ist, was möglich sein kann und ob sich dieses scheinbare Chaos überhaupt noch ordnen lässt.Und genau darin lag für mich die große Stärke dieser Geschichte.