
Selma Asotic hat sich als junge feministische Stimme aus Bosnien einen Namen gemacht. Ihre Lyrik ist einfach, bilderreich und prägnant. Sie findet eine Sprache für die Zerrissenheit zwischen Heimat und Fremdsein; für Liebe und lesbisches Begehren; für den generationenlangen Weg der Frauen vom Schweigen zum Sprechen - vor allem aber für den Krieg als den brutalen ständigen Begleiter, der sie in ihren Träumen verfolgt und dem sie trotzdem den Kopf hält, wenn er, alt geworden und sich um seine Bedeutung sorgend, erbrechen muss: »Schon gut, Alter, ich erinnere mich noch an dich. «
Selma Asotic verdichtet in diesen 37 Gedichten unprätentiös und kunstvoll Erfahrungen, die nicht aufhören, sondern sich im Gegenteil immer fortsetzen.
Besprechung vom 29.01.2026
Der Körper erinnert sich
"Manchmal musst du lügen, um die Wahrheit zu sagen": Gedichte der bosnischen Lyrikerin Selma Asotic
Wörter müssen wie Zähne sein, heißt es einmal in diesen Gedichten. Aber die Sprecherin meint keine dumpf mahlenden Backenzähne. Eher denkt sie an scharfe Schneidezähne, die flugs zu "winzigen Klingen" werden, denen die Kraft der Imagination Leben einhaucht, ein "Herz in der Mitte, / das pocht / und pocht".
Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Wörter in Selma Asotics Gedichten kleinen Waffen ähneln können. Asotic wurde 1992 in Sarajevo geboren, just zu jener Zeit, da die vierjährige Belagerung der Stadt während des Bosnienkrieges begann. Und die Erinnerung an den Krieg ist allgegenwärtig in ihren Versen. Es mögen Bilder von "Scharfschützen" und "Schrapnellen" sein oder von Verletzungen, die der Vater davontrug, aber genauso Gedächtnisspuren, die zu den Kriegen der unmittelbaren Gegenwart führen, vor allem zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und den Bildern von "Drohnen und Hyperschallwaffen".
"Es hört nie auf" liest man in einem Erinnerungsgedicht mit dem Titel "Lektionen vom Krieg". Ein Satz, der sich wie ein dunkler Refrain durch die klug gebrochenen Langzeilen zieht. Zu den Gedächtnisbildern kommt ein Gefühl des Nichtdazugehörens und der Ausgrenzung, das Selma Asotic vertraut ist, die seit einigen Jahren in den USA lebt. Die Erinnerung an den Krieg kann die Sprecherin an der Supermarktkasse überwältigen oder bei einem Feuerwerk: "Du fliehst unter den Tisch. / Der Körper erinnert sich, aber er lernt nichts. / Schwer, den eigenen Körper zu überzeugen, dass er überlebt hat. Es hört nie auf."
Die Gedächtnisfetzen sind in jeder einzelnen Körperfaser gespeichert. Und wenn sie einen Impuls setzen, können sich die Assoziationen manchmal so schnell aneinanderknüpfen, dass sie den begrenzten Raum der Buchseite regelrecht fluten. An solchen Stellen entfaltet der an ein Ich gebundene Parlandostil, den Selma Asotic in den meisten ihrer Gedichte verwendet, seine größte Wirkung. Ebenso in einem Stück wie "Selbstporträt in Kreisform". Hier ist die unaufhörliche Suchbewegung nicht nur dem Titel eingeschrieben, sie zeigt sich auch in der spiralenartigen Anordnung von Motiven, zu denen neben dem Krieg Einsamkeit und Vergänglichkeit gehören. Und das pochende Herz verwandelt sich in ein "Papageienherz / (. . .) so groß wie ein Korn".
Nicht alle Verse vermitteln dieses Gefühl der Notwendigkeit. Immer wieder verliert sich Asotic in Abstrakta, etwa wenn "Absichten" "zerschlagen zu Dunkelheit" sind. Der zwiespältige Leseeindruck mag zum Teil auch an der Übersetzung liegen. Manchmal bleiben Marie Alpermann und Rebekka Zeinzinger an Genitivmetaphern ("Gesetzlosigkeit / der Augen") oder idiomatischen Wendungen ("auf dicke Hose machen") hängen. Und Sätze wie "Darum lass mich / zum Hunger derer sprechen, / die im Voraus verlieren" oder "Auf unserer Haut konnte der Sommer / noch nicht aufgeben" klingen eher nach allzu wörtlicher Übersetzung als nach genauer Bildfindung.
Dafür hat das Übersetzungsduo ein feines Gespür für den Rhythmus von Asotics Langzeilen und für ihre Wahrnehmungsdetails, für "Sägemehl" und "Plastiktüten" genauso wie für den "Geruch von Textilkleber". Überhaupt sind die Gedichte am überzeugendsten dort, wo Asotic sich an den Körper hält. In Gedichten wie "Coming-out" oder "Zum ersten Mal in der einzigen Lesbenbar meiner Stadt" feiert sie die gleichgeschlechtliche Liebe. Tastend formuliert sie einen Satz, der in ihren Versen für die Liebe ebenso wie für die Poesie seine Gültigkeit hat: "Manchmal musst du lügen, um die Wahrheit / zu sagen." Und so legt sie ein ums andere Mal falsche Fährten, beendet etwa ein boxartiges Erzählgedicht zum Krieg mit dem Satz "So war es nicht" oder lässt konkrete Einzelheiten in die Welt der Einbildungskraft übergehen. "Manchmal findest du statt der Schlüssel in der Tasche / einen Haufen Planeten, einen Wald, eine Kluft, / sieben Flüsse, zum Strauß gebunden."
Unbedingt erwähnen muss man auch den genauen Bau des Buches. Asotic arbeitet mit Wiederholungen und Variationen, schreibt Gedichte über den Bund hinweg fort oder spielt unterschiedliche Motive in mehreren Texten aus, die alle den gleichen Titel tragen, "Niemand schreibt nach Hause". Von Liebesgedichten geht es zu den Gedichten über den Krieg hin zu Versen, die starke Frauenfiguren sprechen lassen. Oder die in gekonnt gestauchter Syntax das Reden und Schreiben schlechthin zelebrieren. "Warum sprechen" heißt es in einem Stück, das eine Art Memento mori für die Großeltern ist. Und die Antwort lautet: "Weil die Luft. / Weil die Luft nichts wiegt, aber alles / in sich trägt, was existiert." Doch auch: "Weil ich nicht vergessen kann, was ich gesehen habe: / Schiffe und Leuchttürme, / ein Fähnchen in der aufgeschlitzten Gurgel."
Da ist sie wieder: die Erinnerung an die Toten und an die Verwerfungen des Krieges. Selma Asotic leiht den vergessenen und überhörten Stimmen ihr Sprechen. In ihren stärksten Versen bringt sie große Geschichte und eigene Erinnerung zusammen. Auf dass sich Vergangenheit und Gegenwart, Sprache und Körper für Momente überlagern. NICO BLEUTGE
Selma Asotic:
"Sag Feuer". Gedichte.
Suhrkamp Verlag,
Berlin 2025.
127 S., geb.
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