Eine hochinteressante historische Figur - die fiktionale Spekulation drumrum ist allerdings nicht Fisch und nicht Fleisch. Schade!
Steffen Kopetzky nimmt sich für seine Romane gerne Fußnoten der Weltgeschichte vor - Kuriositäten und Personen, die kaum jemand kennt und deren Begebenheiten dennoch romanhaft spannend und aufregend zu erzählen sind. In "Damenopfer" hat er Larissa Reissner unter die Lupe genommen, eine junge Dame aus besserem (deutschstämmigen) russischen Hause, die links denkt und schreibt, in deren Elternhaus Bebel, Liebknecht und Lenin verkehrten. Bei der Oktoberrevolution und im Bürgerkrieg kämpft sie auf Seite der Bolschewiki, wird Kommissarin der Roten Flotte und heiratet einen Revolutionär mit Kampfnamen Raskolnikow, mit dem sie 1920 auf diplomatischer Mission nach Kabul geht. Die Männer der sowjetischen Intelligentsija liegen ihr zu Füßen, Affären pflastern ihren Weg. Als ebenso parteiische wie wortgewaltige Journalistin schreibt sie mitreißende Reportagen, auch von den Barrikadenkämpfen in Hamburg 1923. Die Malaria, die sie auf einer ihrer Reisen eingefangen hat, macht ihr zusehends zu schaffen, sie versucht, sich in Wiesbaden zu kurieren, und 1926 stirbt sie, mit nicht einmal dreißig, in Moskau an Typhus. Nachrufe finden sich von Karl Radek, Boris Pasternak, Leo Trotzki und Josef Roth; auch Maxim Gorki, Ossip Mandelstam und Nikolaj Gumiljow zählten zu ihren Freunden oder Geliebten. Und unter den chinesischen Studenten in Moskau, die um ihre Dozentin trauern, ist auch ein junger Mann namens Deng Xiao Ping.Also im Ganzen ein erzählenswertes, illustres Leben. Allemal genug für ein biografisches Buch, wenn auch keines, das derart abenteuerhaft und kuriositätenbeladen wäre, wie Steffen Kopetzky es liebt. Deshalb (auch das bewährte Praxis bei ihm) driftet er ins Spekulative. Bei ihm findet Larissa in Kabul die Aufzeichnungen des deutschen Offiziers Niedermayer, der einen detaillierten Kriegsplan für einen muslimischen Aufstand von Afghanistan aus erarbeitet hat, der am Ende die Briten aus ihrem indischen Kolonialreich vertreiben soll. (Diesen Plan und die abenteuerreiche Reise Niedermayers nach Afghanistan kennen wir aus Kopetzkys Buch "Risiko".) In "Damenopfer" sucht Larissa nach Niedermayer, findet ihn, und die beiden sind in gemeinsamer Überzeugung die treibende Kraft hinter den (real geschehenen) heimlichen Rüstungsbemühungen der Deutschen Reichswehr in der Sowjetunion, mit denen die Vorgaben des Versailler Vertrages umgangen wurden. Damit nicht genug, lässt Kopetzky seine Heldin auch noch sowjetische Kernphysiker nach Berlin kommen, deren Aufzeichnungen und Konstruktionspläne zu einem temporeichen Wettlauf bei Larissas Tod führen und dem Buch einen spannenden Höhepunkt bescheren.In diesem Punkt galoppiert der historische Spekulant Kopetzky allerdings seiner Zeit um zehn oder zwanzig Jahre voraus, denn das Potential der Atomspaltung und der darin freigesetzten Energie erkundete man 1926 bestenfalls theoretisch, von Konstruktionsplänen (wofür auch immer) war man zu dieser Zeit noch weit entfernt. Die erste Kernspaltung wurde 1938 von Lise Meitner (mit Unterstützung von Otto Hahn und Fritz Straßmann) beobachtet, und die ersten konkreten Bemühungen um eine militärische Nutzung der Atomkraft unternahmen USA, Deutsches Reich und die Sowjetunion erst im Zweiten Weltkrieg.Die Handlung des Buches aber deckt den Zeitpunkt von Larissas Stationierung in Kabul bis zu ihrem Tod ab, mit Rückblenden in ihre Jugend- und Kriegsjahre. Die Erzählung erfolgt nicht linear, sondern in kleinen zerrissenen Kapitelfetzen. Das passt, weil es den Stil der Zeit - kubistisch abstrahierend - spiegelt; es verdeckt aber auch geschickt, dass dem Plot so ein bisschen der rote Faden fehlt.Denn "Damenopfer" ist am Ende nicht Fisch und nicht Fleisch. Trotz der spekulativen Fiktion findet die Räuberpistolenstory um Kriegspläne und Rüstungsallianzen zu keinem befriedigenden Höhepunkt und Abschluss; die geheimnisumwobene Heldin stirbt dem Autor weg, ehe sich so richtig was entfalten kann. Am Ende werden im realen Weltenlauf alle ihre spekulierten Pläne platzen: Der strategische Stümper Stalin wird die Macht in Moskau an sich reißen und seinen Rivalen, den Internationalisten Trotzki, 1940 im mexikanischen Exil erstechen lassen. Die Panzerarmeen, die in den Fabriken Russlands entstehen, werden nicht im Geiste Trotzkis vereint die Weltrevolution anzetteln, sondern sich gegenseitig beim Krieg Hitlers gegen Stalin in den Schlachten von Kursk, Warschau und Stalingrad vernichten. Der geniale Geostratege Niedermayer wird in diesem Zweiten Weltkrieg keine große Rolle mehr spielen und in sowjetischer Kriegsgefangenschaft sterben. Die Briten aber werden 1948 Indien in die Unabhängigkeit entlassen - ganz ohne afghanische Aufstände. Doch davon erzählt uns Steffen Kopetzky gar nichts mehr, mit der Beerdigung Larissa Reissners ist Schluss mit der Erzählung. Schade drum.