August liebt den Schmerz, kann die Liebe nicht lieben
Es geht um Fürsorge, um Care und um eine mögliche negative, pathologische Entwicklung des an und für sich positiven Impulses, sich um jemanden zu kümmern. Es geht darum. wie sich die Mutter Lilly Drach verhält, die sich so sehr um ihren Sohn August kümmert, ja aus diesem Kümmern ihr Lebenselixier, ihre Seinsberechtigung bezieht, dass dieser verkümmert. Es geht darum, wie sich jemand verhält. der nicht loslassen kann. Der sich eigentlich über dieses Pflegen, über das Schlitzen, über das für jemanden Agieren definiert und dabei den zu Versorgenden um Objekt zum Spielball des eigenen Tuns macht.August ist die Hauptperson in "Zitronen"-. Beide Elternteile projizieren ihr Leben auf ihn, definieren sich durch ihn. Der Vater schlägt ihn, die Mutter vergiftet ihn, um ihn krank zu halten, damit sie sich um ihn kümmern kann. Seine Mutter definiert ihr eigenes Selbstwertgefühl bzw. ihre eigene Existenzberechtigung darüber, dass sie August, dem es schlecht geht, rettet, dass sie seine Krankheit braucht, um sich selbst definieren zu können.Überraschend aufschlussreich ist die Urlaubsszene: Nachdem der Vater die Familie verlässt und die Mutter sich mit dem Dorfarzt anfreundet und sie dann gemeinsam mit August in das Feriendomizil des Dorfarztes reisen. Eine großartige und eindrückliche Episode des Romans, in der die Mutter aus der Rolle fällt, als sie die Medikamente, mit denen sie ihren Sohn sozusagen krank hält, an der Raststation liegen lässt. Das Vergiftungsritual wird so unterbrochen. Die Mutter hat große Probleme. in einer Situation, in der sie nicht mehr in der üblichen Rolle agiert, zurechtzukommen. August hingegen wird gesund. Er erlebt seinen gesunden Körper, merkt, wie es ihm stetig besser geht. Der "begleitende" Arzt führt die Genesung auf die Sommerfrische zurück. Er verkörpert als Romanfigur eine exquisite Sinnlichkeit. Es wird gekocht, gegessen, es duften die Zitronen.Der Teil mit Ava, der Frau, mit der August als Erwachsener zusammenkommt, nachdem er vom Dorf und der Mutter weggekommen ist, ist hochspannend. Mit ihr läuft etwas aus dem Ruder, was eigentlich zunächst gut beginnt. "...und liehen sich das Glück eines bürgerlichen Lebens" (S.152) Es bleibt fraglich, ob August Drachs "vergiftete" Kindheit allein für die Ereignisse verantwortlich ist. Das Ende des Romans führt die sehr außergewöhnliche oder exzeptionelle Existenz in ihrer ganzen Tragik wieder in eine lebbare Banalität zurück, indem August in sein Dorf zurückkehrt. "Gibt es etwas Befremdlicheres als die Rückkehr an einen Ort, von dem man nichts als fortgewollt hatte, fragte sich August"(S. 168) Diese Rückkehr ist wie eine Entdramatisierung der psyichisch prekären Situation, seiner Eifersucht, seiner Gewalttätigkeit.Sprachgewaltig, in packenden Bildern und Episoden erzählt Valerie Fritsch ihrem neuen Roman "Zitronen" von der Ungeheuerlichkeit einer Liebe und über die Abgründe der menschlichen Seele, beeindruckt in mit einer verstörenden Studie über eine besonders perfide Form der Gewalt: die Mutterliebe.Kein Feel Good-Roman, trotzdem als literarisches Kunstwerk lesenswert.Valerie Fritsch ('1989) arbeitet als freie Autorin und wurde beim IngeborgBachmann-Wettbewerb 2015 mit dem Kelag-Preis und dem Publikumspreis ausgezeichnet. 2020 erhielt sie den Bruder-Grimm-Preis für Literatur. Ihr erschienenes Buch "Zitronen" wurde 2025 als Innsbruck-liest-Buch ausgewählt. Sie lebt in Graz und Wien.