Düsterer, atmosphärischer Thriller
Man kommt bei Vera Buck irgendwann an den Punkt, an dem man nicht mehr fragt, ob ihr nächstes Buch spannend sein wird, sondern nur noch, in welche Abgeschiedenheit sie einen diesmal lockt. Mit "Wolfskinder" habe ich gewissermaßen rückwärts gelesen, zurück zum Anfang: Es ist ihr erster Thriller, und wer die späteren Bücher kennt, erlebt hier den Moment, in dem sich ihre Handschrift zum ersten Mal voll entfaltet. Das Erstaunliche ist, wie wenig dieses Debüt nach einem Anfang klingt.Schauplatz ist ein Bergdorf, oder genauer: zwei Welten übereinander. Unten Almenen, ein Ort mit dem üblichen Misstrauen kleiner Gemeinden, und weit darüber die Siedlung Jakobsleiter, ohne Strom, ohne fließendes Wasser, abgeschottet von allem, was nach Moderne riecht. Als die sechzehnjährige Rebekka von dort verschwindet, erkennt die Journalistin Smilla sofort das Muster, denn auch ihre Freundin Juli ist vor Jahren in dieser Gegend spurlos verloren gegangen. Und als ihr eines Tages ein verwahrlostes Mädchen vors Auto läuft, das Juli auf beunruhigende Weise ähnelt, beginnt ein Sog, dem man sich als Leser kaum entziehen kann.Buck erzählt aus wechselnden Perspektiven, und das ist anfangs durchaus eine Zumutung, im besten wie im anstrengenden Sinne. Man braucht einige Kapitel, bis man die Stimmen sortiert hat und weiß, wer hier wem misstraut. Wer bis dahin durchhält, wird reich entlohnt: Aus den einzelnen Fäden webt sich allmählich ein dichtes, bedrohliches Ganzes, und die idyllische Gebirgskulisse verdunkelt sich Seite um Seite, bis selbst der Wald wie ein Mitwisser wirkt. Die Frage, die über allem schwebt, ist keine bloße Täterfrage, sondern eine moralische: Wo sitzt das Böse eigentlich, oben bei den Sonderlingen oder unten bei den Anständigen, die mit Fackeln und Vorurteilen hantieren? Dass Vera Buck diese Frage nicht vorschnell beantwortet, macht das Buch klüger als viele seiner Genregenossen.Wer "Das Baumhaus" kennt, wird manches wiederfinden: den Wald als Ort der Verheißung und der Drohung, das verschwundene Kind als Wunde, die eine ganze Gegend nicht schließen kann. In "Der dunkle Sommer" hat Buck das Prinzip später nach Sardinien verlegt, in ein Geisterdorf, in dem das Schweigen der Gemeinschaft schwerer wiegt als jeder Fluch. Und "Keine Angst, Darling" zeigt, dass sie die Abgründe inzwischen auch hinter makellosen Oberflächen aufzuspüren weiß, ganz ohne Berge und Nebel. "Wolfskinder" ist in dieser Reihe gewissermaßen der Urtext: Hier ist alles schon angelegt, was ihre Thriller auszeichnet, die Liebe zu abgeschlossenen Gemeinschaften, der Blick für das, was Menschen einander antun, wenn sie sich im Recht wähnen, und ein Gespür für Atmosphäre, das den Leser frösteln lässt, noch bevor etwas geschieht.Am Ende läuft alles auf eine Auflösung zu, die sich über das ganze Buch hinweg vorbereitet und dennoch überrascht, und auf einen Showdown, in dem sämtliche Erzählstränge zusammenfließen. Für mich ist "Wolfskinder" einmal mehr der Beweis, dass Vera Buck zu den stärksten deutschsprachigen Stimmen im Spannungsfach gehört. Ein düsterer, kluger, ungemein atmosphärischer Thriller, der nach dem etwas gemächlichen Einstieg nicht mehr loslässt.