Volker Leppin nimmt Stellung zur Frage nach Luthers Haltung zu den Juden, indem er diese vor dem Hintergrund der spätmittelalterlichen Theologie und Exegese versteht. Der Autor zeigt, wie sich Luthers antijüdische Polemik im Einklang mit innerchristlicher Kritik entwickelt und in den Kontext des frühneuzeitlichen "Proto-Antisemitismus" einfügt.
Volker Leppin addresses the much-debated question of Luther's attitude toward the Jews by situating it within late medieval theology and exegesis. He embeds this issue in the theological discourse of the late Middle Ages and highlights the importance of exegetical tradition. Drawing on the Psalms exegesis, he demonstrates how, since the 14th century, Christian theologians - engaging with Jewish interpretation - developed proto-humanistic forms of understanding that Luther could take up and continue. His early exegetical remarks thus appear as part of a continuous tradition. The author places special emphasis on the close connection between Luther's anti-Jewish polemics and his intra-Christian criticism. The expansion of this criticism into opposition to the papacy allows for a new explanation of Luther's seemingly more tolerant statements in the 1520s: his own theological and legal marginalization led him to refrain temporarily from discriminatory practices. The absence of genuine solidarity explains why, in the final phase of his work, anti-Jewish polemics and papal critique once again converged. Finally, Volker Leppin reflects on the reception of Luther's stance - from interpretations during the Third Reich to the Reformation Jubilee - and distinguishes religious anti-Judaism from racial antisemitism through the analytical category of "proto-antisemitism." Volker Leppin nimmt Stellung zu der viel diskutierten Frage von Luthers Haltung zu den Juden, indem er diese vor dem Hintergrund der spätmittelalterlichen Theologie und Exegese versteht. Anhand der Psalmenauslegung zeigt er, wie christliche Theologen seit dem 14. Jahrhundert in der Auseinandersetzung mit jüdischer Exegese protohumanistische Interpretationsformen entwickelten, die Luther aufnimmt und weiterführt. Seine Äußerungen in seinen frühen Vorlesungen erscheinen als Fortsetzung dieser Linie. Zugleich rückt der Autor den engen Zusammenhang zwischen Luthers antijüdischen Aussagen und seiner innerchristlichen Kritik ins Zentrum. Deren Ausweitung zur Papstkritik ermöglicht eine neue Erklärung für Luthers scheinbar tolerant wirkende Äußerungen in den 1520er Jahren: Die eigene theologische und rechtliche Marginalisierung ließ ihn zeitweise von Diskriminierungspraktiken Abstand nehmen, und der unterschiedliche Ort von Papsttum und Juden im Endzeitgeschehen ließ ihn unterschiedlich scharf auf sie reagieren. Daraus erwuchs keine grundsätzliche Solidarisierung mit den Juden. So konnte in der Spätphase von Luthers Wirken die antijüdische Polemik erneut mit der Papstkritik parallel gehen. Abschließend reflektiert Volker Leppin die Rezeption dieser Haltung - von der Deutung im Dritten Reich bis zum Reformationsjubiläum - und ordnet religiösen Antijudaismus und rassischen Antisemitismus über die Kategorie des "Proto-Antisemitismus" einander systematisch zu.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Exegetischer Antijudaismus im späten Mittelalter
2. Martin Luther: Gegen Juden und falsche Christen
3. Christliche Wahrnehmung des Judentums um 1600
4. " Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei" : Antijudaismus in freundlichem Gewand 1523
5. Hass, Polemik und theologische Reflexion - Luthers späte antijüdische Schriften
6. Im Schatten des Holocaust: Zum Umgang mit Luthers antijüdischen Schriften in der Gegenwart
Ausblick