Panorama der Sowjetunion zur Wende von Stalingrad - ein episches Meisterwerk, das Tolstois "Krieg und Frieden" in den Schatten stellt.
Schon nach ungefähr zwei Seiten, wenn das erste Kapitel beendet ist, zeigt sich beim Lesen dieses Buches, dass Wassili Grossman ein bemerkenswertes Talent zum Beschreiben hat. Dabei passiert wirklich nichts Außergewöhnliches in diesem ersten Kapitel: Wir erleben - aus Sicht des Lokführers - wie ein Zug in ein Lager einfährt. Die Wachtürme im Nebel, der Stacheldraht, die Weichen, das Torhaus, uns schwant schon, was für ein Lager das sein könnte, aber in der Unschuld des Lokführers, der nur seiner Arbeit nachgeht, schwingt die Ahnung nur sehr unterschwellig mit. Später werden wir erkennen, dass Grossman sich nicht nur darauf versteht, Orte und Landschaften in Worte zu fassen, sondern vor allem auch: Menschen in all ihren Facetten.Er entbreitet in "Leben und Schicksal" ein episches Panorama jenes historischen Winters 1942/43, in dem Hitlers Vormarsch nach dem Überfall auf die Sowjetunion bei Stalingrad zum Halten kam, als seine 6. Armee durch einen wohlvorbereiteten Zangengriff von der Roten Armee eingekesselt wurde und ihr Untergang den Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs markierte. Wir besichtigen als Lesepublikum die Verteidiger, die in den zerbombten Häusern von Stalingrad ausharren, wir sind bei den Befehlshabern der Panzerkorps der Roten Armee und zugleich in Kasan, wo die Physiker, die man im Winter zuvor aus Moskau evakuiert hat, an den Grundlagen der Kernspaltung forschen, um deren gewaltige Kräfte nutzbar zu machen.Neben den Hauptsträngen von fünf oder sechs verwandtschaftlich verbundenen Hauptfiguren und ihren persönlichen Schicksalen (denn auch in historischen Momenten verlieben sich Menschen, kommen Kinder zur Welt und werden Karrieren forciert und vernichtet) machen wir Abstecher in ein deutsches Kriegsgefangenenlager, wo die sowjetischen Kader nicht nur den grausamen Härten des Lageralltags ausgesetzt sind, sondern auch ideologische Kämpfe durchstehen müssen (untereinander und gegenüber den Nazis). Stalin und Hitler haben zwei kurze Cameo-Auftritte. Ein herzzerreißender Abschiedsbrief erreicht den jüdischen Physiker Strum, den seine Mutter aus dem Ghetto geschrieben hat, am Abend vor ihrer Deportation. Und wir begleiten eine ebenfalls jüdische Ärztin in einem Zug, der ins Vernichtungslager fährt und erleben die Fahrt, die Selektion, alles, bis zum Tod in der Gaskammer, in einer beklemmend realistischen Sequenz, die Spielbergs berühmte Visualisierung in "Schindlers Liste" in eindrucksvoller Weise vorwegnimmt."Leben und Schicksal", dieses detailreiche Schlachtengemälde, wurde 1960 beendet und durfte in der Sowjetunion nie erscheinen. Zu klar und eindeutig benannte Grossman nicht nur das menschenverachtende NS-System, sondern auch den Schrecken, den der stalinistische Terror verbreitet hat: die allgegenwärtige Angst, der systematische Antisemitismus, die Denunziationen, die willkürliche Verurteilung von (warum auch immer) Unliebsamen und ihre Deportation in die Arbeitslager Sibiriens, die nur die wenigsten überlebten. Die Veröffentlichungsgeschichte dieses Buches (im Nachwort angerissen), das zuerst 1980 in einem Schweizer Exilverlag erschien, bietet Stoff für einen eigenen Roman.Vor Hitler hat es schon Napoleon versucht, Russland zu bezwingen, 1812. Auch er scheiterte, auch diese Verteidigung des Vaterlandes hat sich tief in die russische Erinnerung gebrannt. Leo Tolstoi hat ihr mit "Krieg und Frieden" ein literarisches Denkmal gesetzt. Grossmans Buch ist in mancherlei Hinsicht eine Wiederauflage des Tolstoi'schen Epos und gleicht dem Vorbild in seinem Konstruktionsplan und in der Idee. Das ist natürlich kein Zufall, und es spricht für Grossmans Selbstbewusstsein, denn der verehrte die Helden der russischen Literatur (und referenziert sie häufig in den Dialogen und im Text): Tschechow, Turgenjew, Dostojewski, Tolstoi. Oh, er weiß genau, dass man sein Werk an Tolstoi messen wird.Aber er muss den Vergleich nicht fürchten. Im Gegenteil: Was mich betrifft (und ich bewundere und verehre Tolstoi sehr), ist Grossman das bedeutendere und relevantere Buch gelungen. Ja, "Leben und Schicksal" ist ein Meisterwerk, ein Monolith, der "Krieg und Frieden" in den Schatten stellt. Stilistisch weiß Grossman zu erfreuen, auch wenn es schwierig ist, das in der Übersetzung zu beurteilen, die sich jedenfalls rund und gut und flüssig und schön liest. Aber es sind andere Dinge, die Grossman von Tolstoi abheben: Einmal die zeitliche Nähe des Themas. Natürlich ist uns der Zweite Weltkrieg präsenter, vertrauter und wichtiger als Napoleons Russlandfeldzug, der sich schon im historischen Nebel verflüchtigt. Aber da ist auch die Umsetzung: Tolstoi war noch nicht geboren, als die Ereignisse stattfanden, die er schildert (bei den Kriegsbeschreibungen hat er seine Erlebnisse im Krimkrieg einfließen lassen). Grossman hingegen war 1942 live vor Ort: Als Kriegsberichterstatter der sowjetischen Militärzeitung "Roter Stern" war er bei der Evakuierung Moskaus dabei, bei der Schlacht von Stalingrad und später bei der Befreiung von Treblinka und Auschwitz und beim Kampf um Berlin. Er weiß, worüber er schreibt, er hat es hautnah erlebt, und das merkt man auf jeder Seite.Auch was die innere Haltung angeht, die das Werk durchzieht, die Ideologie quasi, setze ich Grossman vor Tolstoi. In "Krieg und Frieden" geht es (wie in "Leben und Schicksal" auch) einmal darum, das Geschehen für die Nachwelt zu erhalten und aufzubereiten. Soweit, so gut. Dazu aber vertritt Tolstoi die Haltung, dass sich niemand gegen den gottgewollten Lauf der Dinge stellen darf und Napoleon in seiner Hybris deshalb scheitern musste. Grossman dagegen propagiert eine Idee der universellen menschlichen Güte, die er sowohl vom Nazismus (offensichtlich), als auch von Stalins totalitärem System angegriffen sieht. Aber jeder totale Anspruch auf den Menschen muss scheitern, solange noch ein Funken von Nächstenliebe und Empathie in den Menschen steckt. Jeder Akt der Güte ist ein Schlag ins totalitäre Kontor und verhindert dessen Sieg. Wenn Menschenliebe nicht final totzukriegen ist, muss der Faschismus scheitern.Ich weiß nicht, ob man dieser Idee vertrauen kann, aber gerade in unseren Zeiten, wo Menschenverachtung, Zynismus und Faschismus überall auf der Welt auf dem Vormarsch scheinen und die Menschlichkeit allerorten so bedrängt wird wie seit den Zeiten Hitlers und Stalins nicht mehr, finde ich diesen Gedanken sehr, sehr tröstlich.Was mir als deutschsprachigem Leser das Lesen schwer macht, ist die Zuordnung von Leuten in der Geschichte, aber das geht mit bei jeder russischen Erzählung so, die mehr als vier Figuren enthält: Der Kommissar Krymow, ein überzeugter Revolutionär und Bolschewik und Stalinist, der in die Fänge seines eigenen System gerät, wird von den Kommunisten als Genosse Krymow angeredet, ist aber sonst im förmlichen Umgang mit anderen Nikolaj Grigorjewitsch. Im Familienkreis spricht man von ihm wiederum konsequent als Kolja! Dieses Nebeneinander von Funktion, Nachnamen, Vatersnamen, Kosenamen kann einen in den Wahnsinn treiben, und ich habe bis Seite 800 immer wieder das Personenverzeichnis zu Rate ziehen müssen, um zu wissen, wer wer ist.Für den Kindle gibt's den Roman erst gar nicht. Aber wenn ich schon die Papierfassung kaufen muss, ein kleiner Tadel auch an den Verlag, der das Buch in zwei physische Bände hätte teilen sollen: Dieser Tausend-Seiten-Ziegelstein liegt schwer und schmerzhaft in der Hand und lässt sich praktisch nicht im Sessel lesen, weil er so drückt.