
Julius, ein junger Psychiater, durchstreift die Straßen Manhattans, allein und ohne Ziel, stundenlang. Die Bewegung ist ein Ausgleich zur Arbeit, sie strukturiert seine Abende, seine Gedanken. Er lässt sich treiben, und während seine Schritte ihn tragen, denkt er an seine kürzlich zerbrochene Liebesbeziehung, seine Kindheit, seine Isolation in dieser Metropole voller Menschen. Fast unmerklich verzaubert sein Blick die Umgebung, die Stadt blättert sich vor ihm auf, offenbart die Spuren der Menschen, die früher hier lebten. Mit jeder Begegnung, jeder neuen Entdeckung gerät Julius tiefer hinein in die verborgene Gegenwart New Yorks - und schließlich in seine eigene, ihm fremd gewordene Vergangenheit.
Für seinen faszinierenden Roman über einen Flaneur des 21. Jahrhunderts ist Teju Cole international von Presse und Lesern gefeiert und mit Autoren wie Sebald, Camus oder Naipaul verglichen worden. Getragen vom Fluss seiner bewegenden, klaren Sprache, erzählt Open City eine Geschichte von Erinnerung, Entwurzelung und der erlösenden Kraft der Kunst.
Besprechung vom 26.06.2026
Wenn das Jaulen verklingt, stürzt der Himmel ein
Was man in Schreibschulen nicht lernt: Farai Mudzwinga erzählt in seinem Debüt "Die Avenues" von Simbabwe und seiner Heimatstadt Harare.
Ein wilder Ritt ist dieses Buch: oft sprachmächtig, wortreich, bildstark, suggestiv in seiner dichten Beschreibung lokaler Milieus, vielfach auch witzig mit scharfem Biss und schrägem Blick, die alles angehen, was sich selber allzu wichtig nimmt; dann wieder ist es grell und laut und bunt und voller Einfälle, die sich derart überstürzen, dass sie ungestüm davongaloppieren. Erzählerische Ordnung? Stringente Plot-Entwicklung? Anfang, Mitte, Ende? Historische Zusammenhänge? Klare Perspektive? Kohärente Charaktere?
Alles überbewertet und überflüssig! Herrlich unbekümmert um die fürsorglichen Maßnahmen, wie sie Creative-Writing-Seminare lehren mögen, reißt dieses Debüt - einen Roman wird man es nur im sehr weiten Sinne nennen - lauter Konventionen des gepflegteren Erzählens ein.
Und seine Leserinnen oder Leser, sofern sie Lust haben, sich darauf einzulassen, reißt es immer wieder mit. Auch wer sich in Simbabwe nicht besonders gut auskennt und an lokalkundlichen Fußnoten, wie sie hier ständig aufgeboten werden, womöglich nur ein mäßiges Interesse hat, kommt an solchen aufregenden Sätzen nicht vorbei: "Dann kreischen die Bremsen, und der Pfiff gellt lang und laut. Die vorbeirasenden Waggons hypnotisieren mich. Die Hupe verklingt, und ein spitzes Jaulen schwillt an. Energie steigt in mir auf, surrt in meinen Adern und kribbelt in meinen Gliedern. Ich sehe nur noch, was direkt vor meiner Nase liegt. Mein Kopf ist leer. Die Zeit wird langsamer, bleibt stehen. Das Jaulen verklingt. Viel zu still jetzt. Der Himmel stürzt auf mich herein. Die Welt wird dunkel."
Diese Prosa, von Jan Schönherr wirklich grandios übertragen, vibriert vor Energie. Zuweilen klingt sie hitzig, fiebrig und expressionistisch überspannt. Dann lesen wir davon, wie "rostiger Blutgeruch" aufsteigt, wie die Wohnung einem "klaffenden Schädel voller Schutt" gleichkommt und wie zerfetzte Kabel Funken spucken, ganz "wie fehlerhaft feuernde Neuronen".
Zuweilen klingt sie eisgekühlt, beispielsweise wenn sie die gestanzten Floskeln nachahmt, mit denen ein britischer Kulturattaché, in Harare auf politischer Mission, sich verzweifelt als geschmeidiger Verführer gibt, um schnell noch eine Bettgespielin für die Nacht zu scouten.
Dann wieder finden sich Passagen, die wie ein urbaner Soundtrack komponiert sind: "Die Stadt Harare lebt und atmet. Sie hat einen Puls mit eigenem Flow, synkopiert und in freiem Takt. Die Menschen, die auf der Straße ihre Waren anpreisen und Pendler umwerben, tanzen dazu, und nur gesichtslose Stadträte stören den Rhythmus; sie trommeln koloniale Märsche in einer Stadt, die täglich einen neuen, vibrierenden Beat pumpt." Und ein Kapitel kommt schließlich mittendrin als groteskes Bühnenstück daher und präsentiert uns Kolonialgeschichte als irrwitzigen Grand Guignol.
Nach dem genaueren Zusammenhang all dieser Puzzleteile lohnt es sich wohl kaum zu fragen, denn in der zerfetzten Wirklichkeitserfahrung, die hier eingefangen werden soll, liegt dieser mutmaßlich nicht vor. Einen ungefähren Anhalt mögen dabei die Schicksale der beiden Hauptfiguren bieten, des Erzählers Jedza und seiner großen Schwester Natsai, denen wir über etliche Jahre und Stationen immerfort begegnen.
In den Achtzigerjahren wachsen sie in einem öden Grenzort im ländlichen Simbabwe auf, werden dort in ihrer Kindheit beide auf ganz unterschiedliche Weise mit traumatischem Geschehen konfrontiert und brechen später, um dem zwanghaften Erinnern zu entkommen, nacheinander in die wilde Metropole auf, wo ihre Wege sich verzweigen und doch gelegentlich mit Überbleibseln oder Überläufern aus ihrem früheren Leben verwickeln.
Das alles verbindet kein durchgehender Faden. Mit nahezu jedem Kapitel springt die Erzählung in der Chronologie und setzt wie neu an, zerspleißt und zerfasert bald wieder, knäult sich erneut zusammen oder reißt vorerst ab. Was so entsteht, ist ein wirres, doch dichtes Gewebe, das neben surrealistischen Alltagsszenen und bizarren Milieumomenten aus dem zeitgenössischen Simbabwe auch viel Geisterhaftes aus der Vergangenheit und seiner Shona-Kultur, wie es dort offenbar durchs Leben spukt, enthält.
Was zudem in Erinnerung bleibt, ist ein ganzes Kabinett an scharf gezeichneten Randfiguren: die christlich-fundamentalistische Mutter, der kriegsversehrte Lehrer, der gerissene Straßenverkäufer, die weltweise Sexarbeiterin.
Auf Englisch erschien dieses erstaunliche Erzähldebüt vor drei Jahren im engagierten Kleinverlag Cassava Republic aus Abuja, Nigeria, dessen Programm seit zwei Jahrzehnten legendären Spürsinn für literarische Entdeckungen beweist.
Auch der in Lagos aufgewachsene Teju Cole, der mit seinem zweiten Buch "Open City" über Nacht zum Weltstar wurde, hat einst mit Anfang dreißig sein erstes Werk dort veröffentlichen können. Nicht nur aus diesem Grund darf man gespannt sein, was von dem in Harare lebenden Farai Mudzingwa, ebenfalls ein Thirtysomething, als Nächstes zu lesen sein wird. TOBIAS DÖRING
Farai Mudzwinga: "Die Avenues".
Aus dem Englischen von Jan Schönherr. Unionsverlag, Zürich 2026.
296 S., geb.
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