Das würde auch besser gehen.
June Hayward ist eine erfolglose Autorin. Ihre Bekannte Athena dagegen ist sehr erfolgreich und wird gefeiert von allen. Eines Abends kommt Athena ums Leben. June ist Zeugin und versucht zu helfen, doch sie kann nichts tun. Doch da ist das gerade beendete Manuskript von Athena, in das sie kurz hineinlesen durfte ...Okay, ich kann es offen zugeben, ich bin bei diesem Buch Opfer des Hypes geworden. Ich dachte wirklich, das der Roman so gut sein musste, wie alle sagten. Überall fand ich positive Rezensionen, die ihn über den grünen Klee lobten. Doch manchmal ist nicht alles Gold was glänzt ...Ich konnte mich gut in June einfinden. Mir wurde selbst einmal Plagiat vorgeworfen, woraufhin ich einen Verlagsvertrag verlor. Mein großer Traum platzte und das Manuskript ist "verbrannt", ich kann es niemals wieder einem großen Verlag anbieten. Das brachte mich damals an den Rand des Suizids. Seit meiner Kindheit träumte ich davon, Autorin zu werden, habe aber die denkbar schlechtesten Voraussetzungen dafür. Dass ein Großverlag darüber hinwegsehen und mir trotzdem einen Vertrag anbieten würde, damit hätte ich nie gerechnet.Waren die Plagiatsvorwürfe bei mir echt? Nein, waren sie nicht. Aber das konnte ich seinerzeit nicht beweisen. Ich hatte die Rohfassung an einige Personen geschickt, um ihre Meinung einzuholen. Eine davon meinte dann, es sei doch nur recht und billig, diese Geschichte unter den eigenen Namen zu setzen. Das Buch wurde nie veröffentlicht und ich rührte das Konzept über 15 Jahre nicht mehr an, ehe ich es vor fünf Jahren ausgrub und beendete. Ich stahl also kein fremdes Manuskript, ich wurde sozusagen "bestohlen", was die Sache allerdings nicht besser machte. Einen Plagiatsvorwurf abzuwaschen, das braucht Zeit und Geduld und sehr, sehr viel Arbeit. Eines hat mich das damals allerdings gelehrt: Heute gebe ich keine vollständigen Manuskripte mehr an Testleser, nur noch Auszüge. Und die Rohfassung und die Überarbeitungen speichere ich gesondert auf eine externe Festplatte, mit Datum und allem. Das wird mir nicht wieder geschehen!Noch etwas, wo ich June sehr gut nachempfinden konnte, war ihre Familie. Sicher, ich habe mehr als nur ein Geschwister, und nicht alle reagierten negativ auf mein zeitaufwendiges Hobby. Der einzige, der sich wirklich freute, war mein Vater, der stolz überall herumerzählte, seine Tochter würde schreiben und sicherlich eines Tages eine berühmte Schriftstellerin werden - so wie sein Großvater (okay, berühmt war der nicht, aber zumindest bekannt und konnte offensichtlich von seiner Schreibe leben). Meine Mutter dagegen begriff nie, was mich zum Schreiben trieb und warum ich es nicht einfach an den Nagel hängte, da ich ja offensichtlich keinen Erfolg damit hatte, bzw. habe.Aber genug von mir, kommen wir zum Roman. Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte von diesem Buch. Es ist nicht schlecht, weit entfernt davon und ich behaupte auch nicht, dass es schlecht sei. Ich erwartete eher ... etwas anderes.Eine der Fragen, die Kuang aufwirft, ist die Frage nach der Urheberschaft. Darf man sich Autor nennen, wenn man die Rohfassung in ein geschliffenes Manuskript umwandelt? Ab wann ist dieses Manuskript das eigene? Das ist eine schwierige Frage, und nachdem, wie es hier erzählt wird, hat June zumindest einen großen Teil der Arbeit geleistet, sie übernahm von Athena eine grob umrissene Handlungsskizze, der sie dann Leben einhauchte. Sicher hätte Athena genannt werden müssen an irgendeiner Stelle, sie hatte die Vorarbeit geleistet. Aber wessen Werk war der fertige Roman? Ich würde schon sagen, es war Junes Arbeit, die die Skizze zu einem Gemälde machte. Kann man ihr insofern Plagiat vorwerfen? Bedingt, würde ich sagen. Sie hätte von Beginn an klarstellen müssen, woher die Quellen stammten, eben von Athena. Die Urheberschaft des Romans dagegen war klar der ihre. Das allerdings ändert nichts an Junes schlechtem Gewissen.Was im Buch immer wieder als "umgekehrter Rassismus" genannt wird, ist interessant, verbreitet sich aber leider immer mehr, nicht nur in den Staaten, sondern auch hier in Europa. Einem Weißen Rassismus vorzuwerfen ist einfach, das bleibt immer gern hängen. Auch das musste ich leider schon erleben, obwohl ich bis heute nicht sehe, an welcher Stelle ich rassistisch gewesen sein sollte. Aber wenn dieser Vorwurf von jemandem mit einer anderen Hautfarbe oder Abstammung kommt ... wie gesagt, er bleibt gern kleben.Insofern ist "Yellowface" kein schlechter Roman, ganz im Gegenteil. Als Leser erhält man einen Einblick in die US-Verlagswelt (in Deutschland läuft das tatsächlich ein wenig anders, auch wenn sich hier zumindest bei großen Publikumsverlagen die Vermittlung durch Agenten durchgesetzt hat). Die Literaturszene ist ein Haifischbecken, und keiner dieser Haie ist zahnlos. Dies gilt leider auch für Deutschland und zieht sich tatsächlich bis in die Kleinverlage hinein. Das ist sehr schade für alle Beteiligten, aber wird sich vermutlich auch nicht mehr ändern lassen.Wie June immer wieder Inspiration fand und sich dann plötzlich an die Arbeit setzte ist nicht ungewöhnlich für Schreibende. Auch ist nicht jeder Autor gleich schnell, die einen brauchen länger für ihre Rohfassung, die anderen hauen einen Roman in wenigen Wochen heraus. Die Vorstellungskraft ist das, was Schreibende immer wieder zurück an die Tastatur zieht. Aus meiner Erfahrung allerdings kann ich nur bedingt bestätigen, dass ein übermäßiges Maß an Ehrgeiz bei Autoren Pflicht ist. Ich persönlich mag diesen Ehrgeiz früher einmal gehabt haben, ja. Mittlerweile ist er mir abhanden gekommen. Ich schreibe für mich, wenn es anderen gefällt ist das toll, wenn nicht - ich habe die Geschichte für mich geschrieben, also muss sie auch nur mir gefallen. Ich habe nicht mehr viele Autoren in meinem Bekanntenkreis, zugegeben, aber mit denen ich noch Kontakt halte, sehen das Schreiben ähnlich. Es ist schlicht Entspannung, eine Story niederzuschreiben, so merkwürdig das auch für Außenstehende klingen mag.Hier also habe ich meine Bauchschmerzen über "Yellowface". Mir ist da zuviel Ehrgeiz, zuviel Greifen nach den Sternen. Sicher, es ist ein Unterhaltungsroman, er soll unterhalten und darf überzeichnen. Aber ich konnte June hier wirklich nicht folgen. Auch ihre Entscheidung, wie sie die Novelle schreibt, konnte ich nach dem Beinahe-Desaster mit dem ersten Roman nicht mehr nachvollziehen.Was ich mit dieser langen Rezi eigentlich sagen will ist, der Roman ist gut, keine Frage. Aber ich kann ihm nur bis zu einem gewissen Punkt folgen, danach wird das ganze für mich unglaubwürdig, und das ist der Knackpunkt. Was schade ist, denn Kuang hat hier so gut wie alles richtig gemacht.Dennoch, ist das Buch den Hype wert, den es bekommen hat? Ich würde leider sagen: Nein.