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Hirntod und Organverpflanzung

Ethische, medizinische, psychologische und rechtliche Aspekte der Transplantationsmedizin. 2. , erweiterte…
Buch (kartoniert)
Neben dem state of art sowie der juristischen Situation werden zentrale ethische Problemfelder (Hirntod, Verteilungsgerechtigkeit, Lebensqualität und Menschenwürde) behandelt. Der Band will die verschiedenen Themen und Problemstellungen bündeln und e … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Hirntod und Organverpflanzung
Autor/en: Johann S. Ach, Kurt Bayertz, Dieter Birnbacher, Mario C. Deng, Gabriele Drees

ISBN: 3772819923
EAN: 9783772819926
Ethische, medizinische, psychologische und rechtliche Aspekte der Transplantationsmedizin.
2. , erweiterte Auflage.
Mit Abbildungen und Tabellen, 1 Musterformular.
Herausgegeben von Johann S. Ach, Michael Quante
Frommann-Holzboog

1. Januar 1999 - kartoniert - 337 Seiten

Beschreibung

Neben dem state of art sowie der juristischen Situation werden zentrale ethische Problemfelder (Hirntod, Verteilungsgerechtigkeit, Lebensqualität und Menschenwürde) behandelt. Der Band will die verschiedenen Themen und Problemstellungen bündeln und eine fachübergreifende Auseinandersetzung eröffnen, um die teilweise sehr polemisch geführte Diskussion zu strukturieren und zu versachlichen. Im Anhang werden der 1997 verabschiedete Gesetzestext sowie die unterschiedlichen in die parlamentarische Diskussion eingebrachten Entwürfe mit abgedruckt.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt:
Johann Ach / Michael Quante: Vorwort
Ludwig Siep: Einleitung

I. Tod und Sterben
Michael Quante: »Hirntod« und Organverpflanzung
Dieter Birnbacher: Fünf Bedingungen für ein akzeptables Todeskriterium
Kurt Bayertz: Ethik, Tod und Technik
Franz Furger: Probleme der Transplantationsmedizin aus theologischer Sicht
Fritz A. Muthny: Das Gespräch mit den Angehörigen plötzlich Verstorbener als ethische Aufgabe und wichtigste Voraussetzung für die postmortale Organspende

II. Medizinische Aspekte
Friedrich W. Eigler: »Organtransplantation - Routine oder Experiment?«
Mario C. Deng / Gabriele Drees / Hans H. Scheld: Ethische Aspekte der Herztransplantation

III. Psychologische Aspekte
Fritz A. Muthny: Die psychosoziale Situation Nierentransplantierter: Leidensdruck im Vorfeld, Wirksamkeit und Grenzen der Behandlung
Eva Hampel: Lebensqualität als Bewertungskriterium in der Transplantationsmedizin
Gabriele Drees / Mario C. Deng / Hans H. Scheld: Psychologische Probleme bei Herztransplantationen

IV Juristische Aspekte
Hans-Ludwig Schreiber: Wann darf ein Organ entnommen werden?
Max Kreft: Juristische Probleme der Transplantationsmedizin

V. Das Problem der Allokation
Urban Wiesing: Werden Spendenorgane nach medizinischen oder ethischen Kriterien verteilt?
Rolf Lachmann / Norbert Meuter / Oswald Schwemmer: Allokationsprobleme in der Transplantationsmedizin
Hartmut Kliemt: Wem gehören die Organe?

VI. Xenotransplantation
Johan S. Ach: Ersatzteillager Tier

VII. Anhang
Hinweise zu den Autorinnen und Autoren
Literaturverzeichnis
Personenregister
Sachregister
Hirntodprotokoll
Gesetzentwurf der Bundesregierung
Gesetzentwurf der Fraktionen CDU/CSU, SPD und F.D.P
Entwurf eines Gesetzes über die Spende, Entnahme und Übertragung von Organen (Transplantationsgesetz - TPG) der Abgeordneten Dr. Wolfgang Wodarg, Monika Knoche
Antrag der Abgeordneten Eckart von Klaeden. Eckpunkt für die Spende, Entnahme und Übertragung von Organen

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 17.01.1998

Bis zum Tod sind wir Dilettanten
Transplantationsmedizin und die normative Macht des Meßbaren

Das erst kürzlich in Kraft getretene Gesetz zur Organtransplantation regelt viele Fragen, doch eine Reihe von Problemen läßt es ungelöst. Zu den wichtigsten zählt das Problem der Organverteilung, der sogenannten Allokation. Die deutschsprachige Literatur dazu ist bislang nicht sehr umfangreich. Um so erfreulicher ist es, daß in einem Sammelband, der ganz unterschiedliche Aspekte der Transplantationsmedizin zum Gegenstand hat, gleich drei Beiträge (alle aus Philosophenhand) diesem Thema gewidmet sind.

Organe sind ein knappes Gut, die Wartelisten lang. Die Zuteilung oder Verweigerung eines Fremdorgans ist häufig eine Entscheidung über Leben und Tod. Wer darf, wer will hier entscheiden? Das Transplantationsgesetz verweist für die Organvermittlung sowie die Aufnahme in Wartelisten schlicht auf "Regeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen". Doch was verbirgt sich hinter diesen Regeln? Urban Wiesing zeigt am Beispiel der Zuteilung von Spendernieren durch das europäische Vermittlungszentrum "Eurotransplant", wieweit die Auswahl der angewandten Kriterien auf ethischen Prinzipien beruht. Vom Mythos rein medizinischer Kriterien bleibt danach nicht viel übrig. Wiesing warnt sogar generell davor, genuine Wertentscheidungen durch das Etikett "medizinisch" unkenntlich zu machen und ihnen "einen vermeintlichen Anschein wissenschaftlicher Neutralität zu verschaffen".

Die Frage der moralischen Vertretbarkeit von Verteilungskriterien, die potentiell alle Bürger angehen, muß laut Wiesing vielmehr von der gesamten Gesellschaft geklärt werden. Die Ärzteschaft könne hier lediglich im Auftrag und unter Kontrolle der gesellschaftlichen Gremien handeln. Hartmut Kliemt sieht in der bequemen Delegierung des Allokationsproblems an die Mediziner sogar ein beträchtliches Skandalpotential, wenn die Öffentlichkeit durch die Camouflage nichtmedizinischer Gesichtspunkte als medizinische getäuscht werde.

Auch Rolf Lachmann, Norbert Meuter und Oswald Schwemmer betrachten in ihrem Aufsatz die Allokation im Kern als ethisches Problem. Sie stellen (mit Bedauern?) fest, daß sich die medizinische Praxis von den ethischen Orientierungen einer Gesellschaft "nicht vollständig ablösen kann", möchten die Ethik aber "in die Handlungswirklichkeit der Transplantationsmedizin" führen. Die anschließende Polemik gegen vermeintlich inhaltsleere ethische Prinzipien klingt jedoch hohl, wenn nicht zugleich angegeben wird, wie Maßstäbe zur Beurteilung überhaupt gewonnen werden sollen. Der Hinweis auf "natürliche" Grundlagen der Entscheidungen, die sich "ohne weiteres aus der Sache selbst" zu ergeben scheinen, bleibt unbefriedigend und bestätigt nur Wiesings Neutralisierungsverdacht. Ebensowenig überzeugt die angesichts immer komplexer werdender Regelungssysteme sympathisch klingende Forderung nach einem möglichst großen Ermessensspielraum des einzelnen Arztes. Wiesings Einwand, daß durch eine Rolle des Arztes als Verteiler begrenzter Dienstleistungen die Vertrauensbasis der Arzt-Patient-Beziehung erschüttert würde, ist plausibel.

Während die von Kliemt und Wiesing gewünschte öffentliche Diskussion von Allokationsrichtlinien noch aussteht, ist über das Hirntodkonzept lange und heftig gestritten worden. Auch hier hat der Bundestag schließlich auf den "Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft" verwiesen. Dieter Birnbacher macht dagegen noch einmal deutlich, daß die Frage, ob irreversibles Hirnversagen mit dem Tod des Menschen gleichzusetzen sei, ebenfalls kein medizinisches Spezialproblem ist. Besondere fachliche Kompetenz komme dem Mediziner nur auf der Ebene der Kriterien und Tests zu. Eine Definition des Todes müsse jedoch vor dem Hintergrund eines kulturell geprägten Todesbegriffs auf Angemessenheit und Zweckmäßigkeit geprüft werden, wofür der Mediziner keine größere Autorität als jeder Laie geltend machen dürfe.

Birnbacher, der als Philosoph im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer die Stellungnahme zum "Hirntod als sicheres Todeszeichen" mit erarbeitet hat, gesteht offen das "emotionale Paradox" ein, daß der Hirntote nach dieser Auffassung "gleichzeitig tot ist und unleugbare Lebenszeichen von sich gibt". Diese Lebenszeichen lassen sich nicht einfach aus der Welt dekretieren, wie es der Moraltheologe Franz Furger versucht. Ihm gilt der Hirntod als sicherstes Todeszeichen, "da es exakt definiert ist". Für das von Birnbacher konstatierte "Helldunkel des Zweifels und der Ungewißheit", in die die Transplantationsmedizin den Todesbegriff getaucht habe, ist bei Furger kein Platz. Statt dessen beugt sich wohlfeile Existentialrhetorik folgsam der normativen Kraft des Meßbaren.

Ein erster Gegenstand für die von Kurt Bayertz geforderte "Ethikfolgenabschätzung" dürfe die unter Bioethikern verbreitete interessenorientierte Ethik mit ihrem umstrittensten Vertreter Peter Singer sein. Johann S. Ach nimmt sie in seinem abschließenden Beitrag zum Ausgangspunkt für Überlegungen zur Xenotransplantation. Die Organübertragung zwischen artfremden Individuen ist zwar noch mit zahlreichen, vor allem immunologischen Problemen verbunden, wird von vielen aber schon als die Zukunft der Transplantationsmedizin angesehen. Damit bestätigt sich ein weiteres Mal das Grundgesetz der Medizinethik: Die Technik gibt die Richtung vor, die Moral hinkt hinterher. ACHIM BAHNEN

Johann S. Ach, Michael Quante (Hrsg.): "Hirntod und Organverpflanzung". Ethische, medizinische, psychologische und rechtliche Aspekte der Transplantationsmedizin. Verlag frommann-holzboog, Stuttgart 1997. 416 S., br.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

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