Interessanter, anspruchsvoller intertextueller Roman über die Liebe
Jede Liebe, vor allem eine so große, ist es wert erzählt zu werden. Diese Ansicht teilt nicht jeder. Selbst sehr flexible Romanleser, rümpfen die Nase, wenn es um das Thema "Liebe" geht, haftet dieser Grunderfahrung als Sujet doch immer etwas Triviales oder gar Profanes an. Und doch ist jeder Liebesroman etwas Besonderes, da trotz aller Parallelen jede Liebe einzigartig ist und die große Liebe immer wieder neu erzählt werden kann, sich immer wieder gleicht und doch völlig unterschiedlich ist.Worum geht es in dem Roman? Erzählt wird in Rückblicken, aus der Sicht eines erwachsenen, 45-jährigen Mannes, die "große Liebe" seines 15-jährigen Ichs zu einer Abiturientin namens Jutta, von den ersten Blicken bis zur wenige Tage später stattfindenden Trennung, die er sowohl aus der Erinnerung als auch aus seinen Tagebüchern ("Traum und Chaos") und Briefen rekonstruiert. Der Name des Jungen bleibt unerwähnt, steht er doch für alle jungen Liebenden. Diese Liebe wird vor der Kulisse einer protestantischen Kleinstadt im Jahr 1983 dramatisiert, mit der Raucherecke eines Gymnasiums, der Küche eines besetzen Hauses und in dem Haushalt der Einwandererfamilie aus dem "Land seiner Lieblingslektüren" (42; 56). Die Requisiten lassen die 80er lebendig werden, der Opel Ascona, der Plattenspieler, die Flaschenkerzenhalter, die Räucherstäbchen, indische Decken und das Terracotta-Teegeschirr. Insgesamt vereint der Roman selbst zwei unterschiedliche Elemente, der Blick auf die Liebe eines Schuljungen, und die Alltagsfassade der Affaire, die in sehr deutscher Art mit viel Selbstironie und einiger Nüchternheit erzählt wird, ob es nun um den gemeinsamen Einkauf oder seine Verhaftung bei der Friedensdemo, geht, und eine persisch-arabische Erzählweise, welche die Majestät seiner Liebe herausstellt, und in den Text Gedanken und Zitate aus der arabisch-persischen Liebesmystik hineinwebt. Beide konglomerieren im Liebesakt und kulminieren in einem metafiktionalen Ende, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, verkörpert durch den Sohn des Erzählers, einem typischen Angehörigen der Generation Z, zusammenbringt. ("Er liest ja eigentlich nicht mehr, (...) schämt sich geradezu mit Büchern gesehen zu werden (...),Film und Fernsehen interessieren ihn auch nicht, tippt etwas in den Rechner...", 96), liest dann aber den Roman "Große Liebe." "Er ist verliebt! denke ich..." (96). Intertextuell, interkulturell, selbstreferentiell, ein kluger und innovativer postmoderner Roman, in dem der Erzähler den Leser am Entstehungsprozess teilhaben lässt, ein Werk, das sicher auch zum interreligiösen Dialog beiträgt, und an vielen Stellen mahnend betont, dass Gott auch und gerade im Islam Liebe ist, das Wort Hingabe bedeutet (66) und die jugendliche Verliebtheit "übereinstimmend mit dem Ertrinken (...) des Mystikers in der alles überflutenden Liebe des Göttlichen." (13).Man ist versucht bei den hundert Kapiteln an die 99 Namen Allahs denken. Der hundertste ist verborgen und das letzte Kapitel endet mit einem Ausspruch Bayzaid Bestamis "Das Wunderbarste ist nach meiner Meinung, dass aus dem Meere überhaupt jemand wieder zum Vorschein kommt." (S. 100). Mein Fazit: Das Buch war unglaublich interessant, es hat mir viel über die arabisch-persische Liebesmystik beigebracht. Ich werde das eine oder andere vertiefen. Der Autor ist als Orientalist auch ganz klar sachkundig. Das Buch ist mit seinen 100 Seiten gut zu lesen. Wunderschön, z.B. das Zitat aus Nizamis "Leila und Majnun", als Majnun von seinem Vater nach Mekka gebracht wird, um ihn von der Liebeskunst zu heilen: "Lass mich lieben, o Gott, lieben allein um der Liebe willen und mache diese Liebe hundertmal, tausendmal, noch unendlich viel größer, als sie schon war und jetzt ist." (57). Insgesamt gebe ich dem Buch aber dennoch nur 8/10 Punkten. Ohne die vielen wunderbaren Zitate aus der arabischen Literatur wären es vermutlich noch weniger. Denn das Buch ist mir zu verkopft und zu konstruiert, der innere Monolog in seinem hypotaktischen Stil manchmal auch etwas langatmig bis langweilig. Mir hat das gewisse Etwas gefehlt, mit dem ich die Liebe nicht nur hätte kognitiv, sondern auch emotional nachvollziehen können.