Endlich ein neues Werk von Rebecca F. Kuang! Wie von der Autorin gewohnt hervorragend geschrieben und natürlich bereits auf den ersten Seiten wieder mit klugen Verweisen in Philosophie und Mythologie, die es zu entschlüsseln gilt. Im ersten Moment erscheint es viel, so schnell werden Figuren und Ereignisse eingeführt, Alice, Peter, Prof. Grimes. Aber gleichzeitig entsteht so auch unmittelbar Alice Welt vor dem inneren Auge, ihr Campus, Arbeitsplatz, die Hölle und natürlich die Magie! Aber zunächst von vorn: Alice studiert Analytische Magie in Cambridge. Durch ein Versehen bei einem Experiment ist ihr Doktorvater Prof. Grimes verunglückt und nun in der Hölle gelandet. Da Alice glaubt auf Grimes für ihre akademische Zukunft angewiesen zu sein, fasst sie einen Plan: sie geht in die Hölle, um Grimes zurückzuholen. Unverhofft schließt sich ihr Kollege und Erzfeind Peter diesem Höllentrip an. Was die beiden in der Hölle erwartet, soll sich oft nicht wesentlich von ihrem realen akademischen Alltag als Nachwuchswissenschaftler:innen unterscheiden. Werden die beiden Grimes finden und wenn ja, werden sie wohlbehalten zurückkommen und zu welchem Preis? Mich hat besonders die doppeldeutige und bitterböse Botschaft des Romans abgeholt: Wissenschaft ist die Hölle - genau das ist sie für so viele junge Akademikerinnen, die in absoluter Abhängigkeit ihrer Doktorväter, ja es sind tatsächlich meist Männer, versuchen sich weiter zu qualifizieren. Da wird die Liebe zum Fach schnell zur ganz persönlichen Hölle. So viele Details dieser Abhängigkeitsbeziehung baut die Autorin in Katabasis ein, zum Beispiel die Erwartung die eigene Forschung zurück zu stecken und dafür dem Betreuer uneingeschränkt zur Verfügung zu stehen, natürlich ohne, dass der eigene Name in den entsprechenden Publikationen erwähnt würde oder die langen Arbeitszeiten weit über das honorierte Maß hinaus. All dies transportiert Kuang in eine magische Welt, in der Alice tatsächlich in die Hölle geht und dort auch auf andere Opfer ihres Professors und des Systems trifft. An Alice Geschichte werden außerdem die Widersprüche und Entwicklungen innerhalb des Feminismus deutlich. Die Autorin arbeitet im Gespräch zwischen der Vertrauensperson Helen und Alice pointiert die Positionen zu und innerhalb des Feminismus heraus und macht deutlich, dass patriarchale Strukturen eben auch wirken, wenn man versucht sie zu ignorieren. Alice spürt das am eigenen Leib, so sehr sie es ignorieren möchte. Wobei sich Klassismus und Sexismus im Falle Alice vermischen. All das ist faszinierend, inspirierend und amüsant zugleich und genau auf dieser Ebene, als Kritik an patriarchalen Machtstrukturen in der Wissenschaft funktioniert der Roman für mich wunderbar! Was für mich nicht durchgängig gelungen ist, ist die Transformation dieser Kritik in die Hölle. Der Weg durch die verschiedenen Höfe der Hölle hat sich für mich insbesondere im letzten Drittel oft eher zäh gelesen. Hinzu kamen verschiedene Logikfehler. Die Geschichte zwischen Alice und Peter hat mich auf einer Ebene sehr berührt. Sowohl Alice als auch Peter kämpfen gegen eine Objektifizierung, als Lustobjekt und als Wohltätigkeitsprojekt. So haben beide erfahren, was es bedeutet ihrer Individualität beraubt zu werden. Gerade dieser Aspekt ist für mich sehr gut herausgearbeitet von Kuang. Die Entwicklung der sozialen Beziehung zwischen den beiden war für mich jedoch zum Ende hin zu klischeebeladen und vorhersehbar. Auch wenn der Roman für mich Schwächen in der Umsetzung zeigt, ist er noch immer eine sehr gute Lektüre, die zum Nachdenken anregt und im Gedächtnis bleibt. Ich habe noch keine andere so scharfe, erlebbare Kritik an patriarchalen Machtstrukturen in der Wissenschaft gelesen, auch wenn für mich am Ende der Blick auf mögliche strukturelle Veränderungen fehlte. Das magische Höllensetting hat mich für ein paar Tage in andere Welten eintauchen lassen und wunderbar unterhalten.