Der Bruder als Ausgangspunkt für eine aufrüttelnde Geschichte über Verantwortung und Schuld während der Nazi-Diktatur
Nach der Erstveröffentlichung 2003, nun also die "vom Autor neu durchgesehene Ausgabe", zwanzig Jahre später, 2023, inzwischen ist die 17. Auflage erschienen. Und man wünschst sich, so viel sei vorausgeschickt, nach der Lektüre dieses Buches weitere Auflagen - und eine anwachsende Leserschaft, gerade auch unter jungen Leuten. Denn was in diesem Buch verarbeitet wird, zumindest versuchsweise, das geht nicht nur unter die Haut, da nichts beschönigt wird, es verbindet diese Familiengeschichte auch mit den Fragen nach Verantwortung und Schuld, auch derjenigen, die nicht direkt an den Kriegsgräueln beteiligten Menschen.Der Ausgangspunkt sind die Tagebuchaufzeichnungen und Briefe des Bruders, die dieser bei seinem Einsatz an der Ostfront (1943 bis zu seinem Tod nach schwerer Verwundung im selben Jahr) schrieb und vielerlei Möglichkeiten der Interpretation bieten. Bis auf einen kurzen Moment (der Bruder ist 16 Jahre älter, der Autor 1940 geboren) des bewussten Erinnerns an diesen Bruder bleiben dann nur die Erzählungen der Familienangehörigen, um daraus ein möglichst stimmiges Bild über die Verwicklungen der Menschen mit diesem System und den sich daraus ergebenden Konsequenzen zu formulieren. Der Bruder, der sich mit 18 Jahren freiwillig bei der "SS-Totenkopfdivision" beworben hatte und "sofort genommen" wurde (obwohl "körperlich recht schwach" und "Blutarmut und Herzflimmern diagnostiziert wurden"), hinterlässt natürlich eine mächtige Fragenlawine, auf die es kaum befriedigende Antworten geben kann: Warum bewirbt er sich freiwillig und gerade bei einer solchen "Eliteeinheit"? "Wie sah der Bruder sich selbst?" Aus der Perspektive der Zurückgebliebenen, der Nichtbeteiligten ist es schwer persönliche Zuschreibungen zu geben, mit der "Gefahr, glättend zu erzählen". Der Autor hofft natürlich, dass die fragliche Einheit nicht an den grausamen "Dingen" dieser Zeit beteiligt war, aus den Briefen und Tagebuchaufzeichnungen geht dies jedenfalls nicht hervor.Der Vater hätte ihn gerne als Nachfolger in der Kürschnerei gesehen, entsprechend wurde der "kleine" Bruder immer wieder mit dieser (angenommenen) Leuchtgestalt konfrontiert: "Wenn Karl-Heinz da wäre [dann ...]." Die Erzählungen ("Ausgebombt und kurz darauf der Junge gefallen") dramatisieren das Leben, mit dem Versuch, das eigene Verhalten (Nichtverhalten) zu rechtfertigen. Was schwierig ist, anlässlich der sich weiter auffächernden Informationen über die Verhaltensmuster den Menschen in dieser Zeit: "Es war nicht nur eine gekränkte, sondern auch eine kranke Generation, die ihr Trauma in einem lärmenden Wiederaufbau verdrängt hatte. Das Geschehen verschwand in den Stereotypen: H*tler [H.F.] der Verbrecher. Die Sprache wurde nicht nur von den Tätern öffentlich missbraucht, sondern auch von denen, die von sich selbst sagten, wie sind noch einmal davongekommen. Sie erschlichen sich eine Opferrolle."Dieses Buch ist auch der Versuch einer verzeihenden Erklärung, da vieles durch die Entwicklungen jener Zeit auch in den Familien verrutschte, zu Krankheitsbildern (u.a. Alkoholmissbrauch) führten, die die Dramen in den Familien noch verstärkten. Die Gedanken bewegen sich in Möglichkeitsräumen und vagen Vermutungen, schlimme Befürchtungen nicht ausgrenzend. Insgesamt ist dennoch daraus eine plausible Erzählung geworden, die dieser Zeit gerecht wird und auch dazu verhilft, solchen Entwicklungen frühzeitig entgegenzutreten. (14.7.2026)