Eine kulturhistorische Spurensuche zur Wirkung einer ikonischen Kinderbuchfigur im Nachkriegsdeutschland.
Mit Als Pippi nach Deutschland kam legt Micke Bayart eine kulturhistorisch fundierte und zugleich gut zugängliche Studie zur deutschen Rezeptionsgeschichte einer der prägendsten Figuren der Kinderliteratur vor. Im Zentrum steht dabei weniger die literarische Figur allein als vielmehr das kulturelle Phänomen, das mit Pippi Langstrumpf in der deutschen Nachkriegsgesellschaft entstand.Ausgehend von der überraschend schwierigen Publikationsgeschichte zeichnet Bayart nach, wie Astrid Lindgrens Figur nach mehrfacher Ablehnung schließlich durch den Hamburger Verlag Oetinger in Deutschland veröffentlicht wurde und dort auf eine Gesellschaft traf, die zwischen autoritären Erziehungsidealen und dem Wunsch nach Neuanfang oszillierte. Gerade in diesem Spannungsfeld entfaltet das Buch seine besondere Stärke: Es verknüpft Literatur-, Medien- und Zeitgeschichte und macht sichtbar, weshalb Pippi als anarchische, selbstbestimmte Kinderfigur eine derart subversive Wirkung entfalten konnte.Bayart arbeitet multiperspektivisch. Neben Lindgrens eigenen Aussagen kommen Verlagsmitarbeitende, Filmschaffende, Schauspielerinnen sowie Zeitzeuginnen zu Wort. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Panorama, das auch häufig übersehene Akteurinnen wie Übersetzerinnen, Illustratorinnen und Produzent*innen würdigt. Besonders aufschlussreich sind die Passagen zur medialen Weiterverarbeitung Pippis in Film, Fernsehen und Theater sowie die ideologischen Aushandlungsprozesse zwischen BRD und DDR, in denen Pippi teils entschärft, teils instrumentalisiert werden sollte.Das Buch überzeugt zudem als Zeitdokument: Es zeigt, wie sehr Fragen von Kinderrechten, Erziehung, weiblicher Selbstermächtigung und kultureller Freiheit an der Figur Pippi Langstrumpf verhandelt wurden und bis heute werden. Bayarts Darstellung bleibt dabei überwiegend affirmativ. Die starke Bewunderung für Lindgren und den Oetinger Verlag ist spürbar und schlägt stellenweise in eine gewisse Unkritikalität um. Für eine stärker wissenschaftliche Perspektive hätte man sich hier vereinzelt mehr Distanz gewünscht.Dennoch überwiegt der Erkenntnisgewinn deutlich. Als Pippi nach Deutschland kam ist eine kenntnisreiche, sorgfältig recherchierte und anschaulich erzählte Studie, die sowohl für Literatur- und Kulturwissenschaftler*innen als auch für pädagogisch Interessierte einen hohen Mehrwert bietet. Das Buch leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der nachhaltigen Wirkung von Astrid Lindgren und ihrer berühmtesten Figur im deutschen kulturellen Gedächtnis.