Auf den ersten Blick geht es Yara gut. Sie hat ein abgeschlossenes Studium, einen Job, zwei tolle Töchter und einen Mann, der ihr Freiheiten lässt. Dafür kümmert sie sich um Haushalt und Abendessen für ihre Familie. Aber wieso fühlt sich das alles so falsch an? Wieso wird sie immer häufiger wütend und verzweifelt? Nach einem Zwischenfall auf der Arbeit wird Yara schließlich gezwungen, sich mit sich selbst und ihrem Empfinden auseinanderzusetzen. Und auch wenn sie sich zu Beginn noch sträubt, fängt sie nach und nach an zu begreifen, wie ihre unbewältigte Vergangenheit und die Erwartungen anderer auf ihr lasten.
Evil Eye war sehr eindrücklich, sehr bewegend, keine leichte Kost. Auf jeden Fall regt es zum Nachdenken an. Es beginnt erstmal langsam damit, Yaras Leben einzuordnen und kennenzulernen. Und auch wenn sie eine Weile braucht, um hinter ihre Gefühle zu kommen, war mir schon relativ früh klar, was da alles in ihr tobt.
Ich fand die gesamte Entwicklung von ihr sehr intensiv und authentisch, Stück für Stück und nicht immer freiwillig, aber im Endeffekt heilsam. Generell war das Buch auch sehr gut geschrieben, ich mochte wie die Autorin die Situationen, die Bilder und die Gefühle dargestellt hat. Was ich besonders hierbei fand, dass die Geschichte zeigt, dass "keine gewalttätige" Ehe noch lange keine gute ist, und dass es viele andere, subtilere Manipulationen und Unterdrückungen gibt, denen Frauen ausgesetzt sein können. Und dass "aber anderen geht es noch schlechter" oder "so schlimm ist es bei mir gar nicht" nicht hilfreich oder zielführend sind. Dass man Gefühle und Leid immer ernst nehmen sollte. Yara lernt das auch erst nach und nach.
Und ich fand es sehr gut ausgearbeitet, wie sehr Familientraumata weitergegeben werden, wie sehr man von Familie, von Eltern, von seinem eigenen Aufwachsen auch später noch begleitet wird. Und wie sehr das das eigene Handeln beeinflussen kann, ob man will oder nicht. Auch wenn dies eine palästinensisch-amerikanische Frau und Familie ist, mit Erfahrungen, die ich als weiße Deutsche überhaupt gar nicht nachempfinden kann, so steckt doch auch extrem viel in diesem Buch, was man auf alle Menschen übertragen kann, und was jedem noch die Augen öffnen oder man auf sich beziehen kann.
Dafür, dass der Mittelteil allerdings sehr lang und langsam war, war mir das Ende ein bisschen übereilt. Viel von Yaras Aufarbeitung fand zwar vorher statt, aber gerade die großen Umbrüche sind ja nochmal wahnsinnig relevant, und die haben mir am Ende einfach zu wenig Platz bekommen im Vergleich. Das fand ich etwas schade.
Ich kann das Buch insgesamt aber definitiv empfehlen!
4,5 Sterne