
Besprechung vom 09.01.2026
Inniger Romolog
Wie Humor sich auf Tumor reimt: Peter Wawerzinek erzählt in "Rom sehen und nicht sterben" von einer Errettung in der Ewigen Stadt. Er zelebriert das Sprachspiel als Abwehrzauber gegen den Tod.
Stufe für Stufe muss der Erzähler hinauf auf die "panische Treppe". Denn mit dem "Schietkrätz" ist nicht zu spaßen, obwohl er es doch versucht. Immerhin, er wohnt an einem Ort, dessen Namen viel Hoffnung spendet - "Trostwerdemir". Wir lesen einen Monolog als "Romolog". Der Schriftsteller Peter Wawerzinek verbringt drei Jahre in der Ewigen Stadt, wo es bekanntlich eine Spanische Treppe gibt und einen Stadtteil Trastevere, in den er hinüberwechselt aus der "massiven Villa".
Ein Stipendium wurde ihm zugesprochen. Eine gute Zeit scheint anzubrechen. In der Eingangsszene beobachtet der Ich-Erzähler fasziniert die Flugkünste der Stare über der Stadt. Beginnt nun auch für ihn ein Höhenflug? Aber schon auf den letzten Metern zur Villa Massimo erleidet er einen Schwächeanfall, weitere folgen. Und bald gibt es noch mehr Vorzeichen des Unheils: den Totalverlust eines fertigen Manuskripts und ein scheußliches Frieren mitten im Sommer. Sein Berliner Arzt rät zu einer schnellen Untersuchung. Die bestürzende Diagnose: Krebs, vielleicht als Spätfolge exzessiven Trinkens.
Qual und Komik wirken zusammen in Peter Wawerzineks autobiographischen Romanen. Ein "Rabenmutter"-Trauma, die Nachwirkungen der Heimkindheit, der Kampf mit der Alkoholsucht - solche Lebensplagen hat er in preisgekrönten Büchern wie "Rabenliebe" und "Schluckspecht" beschrieben und den Sprachwitz dabei randvoll eingeschenkt. Nun gilt es, Humor auf Tumor zu reimen. Aber erst einmal stellt er bitter fest: "Beherberge neuerdings einen Mörder in mir. Hat sich feige in meinen Magen eingenistet. Frisst von meinem Fleisch. Trinkt von meinem Blut."
Für Chemotherapie und Operation unterbricht er den Rom-Aufenthalt, verkriecht sich in einer kleinen Berliner Wohnung, seiner "Einraumkapsel", will sich ganz auf den "Hausfriedensbruch" in seinem Körper konzentrieren. Den Arzt, dem er sein Lebensschiff anvertraut, nennt er nur "Min Skipper", wie er überhaupt das Wortfeld der Krankheit jätet. Der "unerwünschte Begriff" Krebs wird wegen seiner lähmenden Aura ausgesperrt: "Beschert mir weniger beängstigende Gedanken, sage ich Krätz zum Krebsgeschwür in mir. (. . .) Erweitere die Verniedlichungsform. Sage gar Min Schietkrätz, um das Übel somit, dreifach am Schopf genommen, zu zerstückeln."
Seit Montaigne und Rousseau gilt das ambitionierte autobiographische Schreiben als Projekt der psychologischen Selbsterkundung. Wawerzineks Methode aber ist nicht die Psychologie, sondern die Rhetorik. Er zelebriert das Sprachspiel als Abwehrzauber gegen den Tod, der nicht zum ersten Mal mit einladender Geste auf ihn zukommt. Als Kind fiel er aus einem Zug und ertrank beinahe in der Ostsee. In der Militärzeit entging er haarscharf einem tödlichen Schuss; später krachte er als liebeskranker Autofahrer mit Höchstgeschwindigkeit gegen eine Leitplanke und stürzte mit dem Fahrrad kopfüber einen Hang hinunter. Sodass ein Freund ihm ein Buch mit den Worten widmete: "Für den, der dem Tod wieder und wieder von der Schippe springt." Auch diesmal hofft er auf den glücklichen Absprung.
Sein Roman ist eine literarische Echokammer, in der Gedichtzeilen und Märchenmotive vom Mittelalter bis zur Moderne erklingen. Spannkraft bekommen seine Sätze durch die vielen Ellipsen, bei denen oft gerade jenes Wort unter den Tisch fällt, das bei Wawerzinek doch über allen anderen steht: das "Ich". Nicht zufällig zitiert er Walt Whitmans "Song of Myself": "Ich feiere mich selbst und singe mich selbst." Auch Wawerzinek "singt sich selbst", um in den eigenen Schmerz- und Glückserfahrungen die Welt zu erschließen, und handele es sich bloß um die überschwängliche Zubereitung eines Gemüsesüppchens oder "Supermüslis".
Allerdings fehlen dem Roman über die monomane Selbstdarstellung hinaus weitere interessante Figuren. Es gibt drei wichtige Bezugspersonen, die alle merkwürdig gesichtslos bleiben. Da ist der ominöse Briefpartner, an den sich der Text in direkter Anrede richtet. Da ist - wie ein guter Geist - die längst verstorbene Großmutter mit ihren Sprüchen und Lebensweisheiten. Und da ist zu guter Letzt die neue Partnerin, die dem Finale des Romans euphorische Momente beschert: nicht nur den Krebs überstanden, sondern auch noch an einer Bushaltestelle die Liebe auf den ersten Blick gefunden. Aber mag der Alltag des Genesenen nun von Glück durchleuchtet sein - auch diese Frau, mit der er ihn teilt, wird mehr beschworen als beschrieben, als wäre sie bloß eine Emanation seines singenden Ichs.
Hinzu kommt, dass zwar viele, aber nicht alle Wortwitze zünden. Muss aus der Corona-Zeit, nur weil Wawerzinek sie in Rom verbringt, eine "CoRomazeit" werden? Wenn nach einem heftigen Regen der Tiber viel übles Treibgut mit sich führt, kalauert er vom "Treibschlecht"; nun ja. Dabei hat das Buch großen Reiz als Rom-Reisebericht der anderen Art. Konsequent ignoriert Wawerzinek die Zuckerstücke des Tourismus. Viel Sinn hat er dagegen für die Marktschreier, Scherenschleifer und Müllmänner; auf seinen eigenwilligen Wegen liegen ein Kindergefängnis, ein kleiner Platz mit einem Seemannsgrab und eine Kirche, in die ihn ein Regenguss treibt und wo eine junge Frau für ihn allein Violine spielt. Ein magischer Moment. "Rom sehen und nicht sterben" ist das Überlebensbuch eines Menschen, der aus vielem Kraft schöpft - dem Jazz, der Natur, der Poesie und vor allem einer Fabulierlust, mit der sich die bittere Kranken-Wirklichkeit entschärfen lässt, schon deshalb, weil sie willkommenen Stoff zum Schreiben bietet. WOLFGANG SCHNEIDER
Peter Wawerzinek:
"Rom sehen und nicht sterben". Roman.
Penguin Verlag, München 2025. 224 S., geb.
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