Es gibt Bücher, die liest man mit wachsender Beklemmung. Und es gibt Bücher, die liest man mit wachsender Beklemmung und wachsender Faszination weil sie einen so nah an die Schaltzentralen der Macht heranführen, dass man das Knistern der zerrütteten Nerven fast hören kann. Robin Alexanders "Letzte Chance" ist so ein Buch.
Der Autor, stellvertretender Chefredakteur Politik der Welt und Bestseller-Autor (Die Getriebenen, Machtverfall), hat sich in den vergangenen Monaten tief in den Maschinenraum der deutschen Politik begeben. Herausgekommen ist ein Stück Zeitgeschichte, das sich streckenweise wie ein politischer Thriller liest nur dass alles, was hier erzählt wird, tatsächlich passiert ist.
Robin Alexander beginnt seine Reportage mit einem Bild, das sich einprägt: Friedrich Merz, frischgebackener Wahlsieger, auf der Rückbank seines Dienstwagens, das iPad auf dem Schoß, wie er die Demütigung Wolodymyr Selenskyjs durch Donald Trump im Oval Office verfolgt. Von diesem Moment an ist klar: Die alte Weltordnung bröckelt, und der neue Kanzler muss handeln notfalls gegen seine eigenen Wahlversprechen.
Was folgt, ist eine atemberaubende Tour d'Horizon durch die Krisenherde der Republik: die Zerrüttung der Ampel-Koalition, das Ringen um die Schuldenbremse, der Streit um das Heizungsgesetz, die existenzielle Bedrohung durch die AfD. Alexander erzählt nicht aus der Vogelperspektive, sondern aus der Kloake: Er war dabei, als im Kanzleramt nachts um halb drei Big Macs verteilt wurden, weil Christian Lindner Hunger hatte. Er zitiert aus E-Mails, die zeigen, wie Robert Habeck seine Staatssekretäre anwies, Atomkraftwerke doch länger laufen zu lassen gegen den eigenen Parteitagsbeschluss. Und er schildert, wie Friedrich Merz nach den Messerattacken von Aschaffenburg seine Stimme brechen ließ, als er von den ermordeten Kindern sprach.
Das ist große Literatur? Nein. Das ist große Reportage. Alexander schreibt flüssig, fast schon filmisch. Man blättert, man fliegt durch die Seiten, weil man einfach wissen will, wie es ausgeht. Und obwohl man die grobe Richtung der Geschichte kennt, gelingt es ihm immer wieder, mit neuen Details und überraschenden Wendungen zu fesseln.
Meine Lieblingsszene? Die nächtliche Koalitionsausschuss-Sitzung, in der die Ampel-Spitzen um den Tankrabatt ringen, Lindner einen Bodyguard losschickt, um Burger zu holen, und die Grünen am nächsten Morgen mit dem 9-Euro-Ticket überrascht werden eine Idee des liberalen Verkehrsministers Volker Wissing. Das ist Politik, wie sie wirklich ist: chaotisch, absurd, manchmal geradezu komisch. Und genau das macht Alexanders Buch so großartig. Er zeigt die Menschen hinter den Titeln, ihre Schwächen, ihre Eitelkeiten, ihre Momente der Größe und des Scheiterns.
Dass man das Buch innerhalb weniger Tage verschlingen kann, liegt nicht nur am Stoff, sondern auch an der klaren Struktur. Alexander gliedert in vier große Teile Die letzte Chance der Demotratie, Demokratie im Krieg, im Klimawandel, dysfunktionale Demokratie und findet für jedes Kapitel den richtigen Ton. Mal ist er dramatisch, mal analytisch, mal fast zynisch. Aber nie langweilig.
Natürlich ist das Buch nicht unparteiisch. Alexander ist ein Kind des politischen Berlin, er kennt die Protagonisten, er hat seine Quellen. Das merkt man. Aber er nutzt sein Wissen nicht, um Abrechnungen zu halten, sondern um zu erklären. Er zeigt, wie schwer es geworden ist, in einer zersplitterten Öffentlichkeit und einer zerrütteten Parteienlandschaft zu regieren. Er zeigt, dass die demokratische Mitte nicht mehr selbstverständlich ist. Und er zeigt, dass Friedrich Merz eine Hypothek mit ins Kanzleramt bringt, die schwerer wiegt als alle Milliarden Schulden.
Dieses Buch schreit geradezu nach einer Verfilmung. Die Szenen sind so bildmächtig, die Dialoge so direkt, die Wendungen so dramatisch man kann sich gut vorstellen, wie das Ganze als zwei bis vierteilige ARD-Serie daherkommt, irgendwo zwischen "Die Getriebenen" und "Haus des Geldes". Vielleicht mit einem Hauch von "The West Wing". Man darf gespannt sein.
Mein Fazit: Letzte Chance ist das politische Buch des Jahres. Es ist ein Weckruf, ein Lehrstück und ein pageturner zugleich. Wer verstehen will, warum Deutschland am Scheideweg steht, kommt an dieser Lektüre nicht vorbei.
Ein exzellenter politischer Report, der mit exklusiven Einblicken und packendem Stil überzeugt. Alexander macht komplexe Zusammenhänge verständlich, verändert den Blick auf die Politik und unterhält dabei großartig. Die perfekte Mischung aus Bildung und Spannung selten war Zeitgeschichte so lesenswert. Daher gibt es von mir 5 von 5 Punkte.
Ein Buch für alle, die wissen wollen, wie es wirklich war. Und wie es vielleicht weitergehen könnte.