
in Leinen gebunden, 3 Bände im Schuber, limitierte, nummerierte und signierte Sonderausgabe mit einem Holzschnitt von Christian Thanhäuser
Niemand in der Familie sprach gern über den Großvater, der als Hauptschriftleiter eine zentrale Rolle in der österreichischen NS-Propaganda innegehabt hatte. Niemand beachtete die Bücher, die dieser gesammelt hatte, Bücher von Karl Kraus, Peter Altenberg und vielen anderen, die in den Regalen der Nachkommen zusehends verstaubten. Niemand - bis hundert Jahre nach dem Tod des Großvaters das Enkelkind in ihnen zu lesen beginnt und eine ungeahnte Gegenwelt entstehen lässt. Eine Welt des Zögerns und Fragens, konturiert durch Anstreichungen und Randnotizen, Widmungen und Lesezeichen, in der das Wort nicht dem kriegstreibenden »Voran« und der Gewalt gewidmet wird, sondern all dem Unterbrochenen, Leisen, Möglichen, das scheinbar noch die Vergangenheit zu verändern weiß.
Mit kompromisslos poetischem Forschungsgeist entwirft der »Archäologe der Wörter, Tiefenpsychologe der Sätze und Komödiant des Zufalls« (Der Standard) Peter Waterhouse in seinem Opus magnum Z Ypsilon X die Wirklichkeit und Welt radikal neu - ein Manifest gegen das mächtige Ich, gegen den Betrachter und das Betrachten, ein Manifest für die Offenheit, für die Möglichkeit, vor allem aber: ein literarisches Jahrhundertwerk.
Besprechung vom 15.01.2026
Ein rückläufig buchstabiertes Geheimnis
Dieses Buch beherrscht alle Register, vom Nonsense bis zur literaturwissenschaftlichen Exegese: Peter Waterhouses dreiteiliger Roman "Z Ypsilon X"
Jedes Buch erzieht seine Leserschaft zu einem bestimmten Verhalten. Die meisten Bücher sagen "Bleib sitzen, schau mich an, lies weiter", und daran ist auch nichts verkehrt. Aber die Welt wäre sehr verarmt, wenn es nicht auch Bücher mit vollkommen anderen Bedienungsanleitungen gäbe, etwa die des österreichischen Lektüremagiers Peter Waterhouse. Das Erlebnis seiner Bücher erinnert nicht an herkömmliche "spannende Geschichten", sondern eher an real world RPGs (Rollenspiele in der wirklichen Welt). Während der Lektüre von "Z Ypsilon X" ertappte ich mich immer wieder dabei, wie mein normaler Alltag in Wien zu einem Teil des Werkes wurde. Dazu muss ich kurz etwas erwähnen, das zunächst gar nichts mit dem Buch von Peter Waterhouse zu tun hat: Vor Kurzem fand ich im Keller ein altes Englischlehrbuch, das mein Großvater Otto im Juni 1945 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft bekam.
Ein Stempel darauf besagt "Prisoner of War Camp. Camp Perry, Ohio". Auf der Rückseite ist mit Tinte dreimal das Wort "Prozeß" untereinander geschrieben, mehr nicht. Lange schaute ich dieses kuriose Erbstück nur an, las das Wort auf der Rückseite und dachte nicht viel darüber nach.
Aber dann kam der neue Waterhouse. Im ersten Teilband, "Z", begegnet uns gleich zu Beginn die Formel "rückläufig buchstabierte Trauer", was uns vielleicht darauf vorbereiten soll, dass dieses in umgekehrter alphabetischer Reihenfolge angeordnete Erzählwerk eine Aufhebung des gewöhnlichen Zeitflusses anstreben wird. Relativ bald werden wir in das schon aus früheren Waterhouse-Büchern bekannte Hauptelement seiner Literatur getaucht: das close reading. Waterhouse lesen, das heißt immer auch: andere Werke lesen, allerdings auf eine Art, wie man sie sich selbst niemals gestatten würde. Er folgt selbst oberflächlichen, oft allein von lautlichen Ähnlichkeiten angeleiteten Verbindungslinien, und er stellt unentwegt Fragen - oh, die sind überhaupt das Herrlichste, was für Prachtgärten aus Fragen dieser Autor hervorbringt!
Wir begegnen Charles Dickens und seinem guten Freund Lemon, dem Dickens in dessen Trauer über ein totes Kind in Briefen stürmisch und feinfühlig beizustehen versucht. Auch den Großvater des Autors, Edgar Alker, lernen wir früh schon kennen, er bildet im umfangreichen Hauptteil das narrative Gravitationszentrum. Fast alles, was wir gemeinsam mit Waterhouse lesen und durchdenken, hat irgendwie mit Alker zu tun, stellt sich in den Dienst, sein merkwürdiges Leben zu deuten. Alker war im "Dritten Reich" Hauptschriftleiter des nationalsozialistisch ausgerichteten "Kleinen Blattes" und fiel 1944 als Soldat der Wehrmacht. Einige Jahrzehnte davor war er allerdings ein begeisterter Leser von Karl Kraus und von Peter Altenberg.
Sein Enkel studiert alle Anstreichungen, Randbemerkungen und Widmungen, die der Großvater in den Exemplaren dieser Lieblingswerke hinterließ. Ihm fällt etwa eine frühe Widmung an Alkers schwangere Frau auf, in der dieser ihr zu einem noch ungeborenen Sohn "P.A." (Peter Alker) gratuliert. Dieser wurde allerdings nie geboren, es kam ein Mädchen auf die Welt. Dieser ungeboren bleibende Sohn - und der inzwischen durchaus geborene, aber zum damaligen Zeitpunkt ja ebenfalls noch ungeborene Enkel Peter Waterhouse selbst - kehrt später als thematischer Reim wieder, bei der Betrachtung von Georg Trakls letztem Gedicht "Grodek", das von dem "gewaltigen Schmerz" spricht, den "die ungeborenen Enkel" im Geist hinterlassen. Waterhouse zeichnet hier also, in dieser einen Zeile eines von seinem Großvater geschätzten Gedichts, sich selbst als eine Art von in der Vergangenheit anwesendem Gespenst; ein merkwürdig versponnen-liebevoller Gruß an das eigene Leben. (Seine Großmutter pflegte ihn auch gelegentlich mit "Du Gespenst!" zu rufen.)
In der längsten Sequenz des zweiten Teils, "Ypsilon", einer ausufernden, hypnotisierenden Bergwerksfahrt in Edgar Alkers Anstreichungen, Zeitungsartikeln und Lektürespuren, bei der Waterhouse in verschiedenen Anläufen aus Mini-Essays, Phantasien und Themen-mit-Variationen in jedes hervorgehobene Wort reist, als wäre es ein tatsächlicher geographischer Ort, und jedes noch so verblasste Zeichen aus der Vergangenheit so lange ausdeutet, bis wir uns von all dem Gelesenen und Gedachten vollkommen eingehüllt sehen wie von einer Art Nährlösung, wurde ich vor lauter Zusammenhängen und geduldig aus dem Nichts hervorgezauberten Lebensbildern schließlich, wie man auf Englisch so schön sagt, high as a kite. Ich las mehrere Absätze in einem Onlineartikel über Zeppeline und sah auch in ihnen plötzlich Alker wiedererstehen.
Das war natürlich etwas unheimlich. Aber ich genoss den Effekt auch. Mit immer aus anderen Werken, wie etwa "David Copperfield" oder dem im späteren Verlauf des zweiten Teils höchst ungewöhnlich nacherzählten "Krieg und Frieden", zusammengetragenen Wendungen und Wörtern ausgestattet, beginnt Waterhouse seine alchemistische Rekonstruktion der verschwundenen Biographien. So entsteht tatsächlich ein Labyrinth, allerdings nicht, wie bei vielen anderen Schreibenden, aus Verwirrfreude oder Verstecksucht, sondern, wie mir scheint, aus Staunen. Dabei erreicht die Kombination all der nach und nach geduldig bereitgehaltenen Lektürefrüchte mitunter die leuchtende Poesie von Mayröcker- oder Ashbery-Gedichten, wie etwa hier, nach einer längeren Meditation über die Wortfelder "Geld", "gelten" und "endgültig", ein tatzelwurmartiger Satz wie "In der Sekunde des Todes sagen die Sterbenden: ich gelte. I yield a mystery; I shall live in Catania; named Misterbianco."
Seite für Seite kann man sich an solchen Schönheiten besaufen, an oft nur in surrealer oder dekonstruktivistischer Logik oder in sanfter Raserei verstehbaren Anschlussfragen, die immer wieder unterbrochen werden von durchaus ernsthaften Fragen wie "Sah er [der Großvater] dasselbe wie ich?" und "Gab es etwas anderes als die Sensationen des Lesens, etwas anderes als das Bemächtigtwerden?"
Peter Waterhouse ist in der Tat der vielleicht am wenigsten an einer Überwältigung, einer Gefangennahme seiner Leserschaft interessierte Autor der Gegenwart. Ja man wird bei ihm nicht einmal dafür bestraft, wenn man sein Werk nicht linear durchliest. Einmal blätterte ich neugierig vor und las von einem Vater, der verwirrt im Krankenbett sein Leintuch betastet. Da fiel mir plötzlich ein, dass in Michail Scholochows "Der stille Don" die von Typhus Genesenen auch immer mit den Falten ihrer Laken und Kleider spielen, wenn sie sich abgemagert und staunend zum ersten Mal wieder im Krankenlager erheben. Ich schlug das alte Buch auf, und wieder erblühte jeder Satz in neuartiger Vieldeutigkeit.
Ich ging ins Nebenzimmer und holte das Exemplar von Waterhouses "(Krieg und Welt)" aus dem Regal. Meine Frau hatte es einmal in einem Seminar gelesen, es enthielt bunte Post-its. Blühend wie ein Igel lag das Kunstwerk vor mir. Ich öffnete es an irgendeiner Stelle und fand ein mit einem Zitat aus dem Text beschriftetes Post-it: "Die vier Wächter am Eingang zum Tower of London sahen aus wie Kinder von." Ja, genau!, dachte ich. Das ist es! Ein weiteres Post-it konservierte den Satz: "Der Kuss ist ein Kleines, eine Art von Maus." Und ein anderes: "Wenn ich meiner Tochter vorlese aus den Märchen der Grimms, dann liefere ich auch Daten." Dieser friedvoll-paranoide Zustand hielt lange Zeit an. Selbst Gespräche im Bus belauschte ich inzwischen detektivisch, als wären sie Dialoge in "Z Ypsilon X".
Ich glaube nicht, dass es in der gegenwärtigen Literatur eine vergleichbare Lektüreerfahrung gibt. Am ehesten fällt mir noch Gerald Murnane ein, dieser wunderbare Mönch aus dem australischen Dorf Goroke, der bekanntlich imstande ist, uns seitenlang davon zu berichten, was für ungeheure "mental images" sich in ihm bei der Nennung bestimmter Rennpferdnamen bilden.
Mit vernetzenden Lektüren von Bachmann, Aichinger, Christensen, Kafka, Rosmarie Waldrop klingt dieses außergewöhnliche Buch aus. Kafkas Satz "Jeder Angeklagte ist schön" wird zitiert, in seiner paradoxen Güte und Unanwendbarkeit, und auf einmal sitze ich hier wieder vor dem alten "War Department Technical Manual TM 30-1506: Englisch wie man's spricht" aus dem Jahr 1945. Auf der Rückseite das dreimal wiederholte und am Ende von einem Tropfen ausgelöschte Wort:
Es hatte nichts mit "X Ypsilon Z" zu tun, und doch erschien es mit einem Mal als lupenreine Waterhouse-Fanfiction, die sich hier in meinem Zimmer live von selbst schrieb. Ich begriff, dass all das von mir in letzter Zeit Gelesene sich mit gutem Recht als Tarngewand und Grubenlampe für eine Tiefenfahrt in dieses eine arme Wort meines eigenen, ebenfalls lange schon von der Erde verschwundenen Großvaters verwenden ließ: "Prozeß". Eine Zeile bei Scholochow oder Patricia Highsmith, bei Philippe Jaccottet oder Meister Eckart oder William T. Vollmann würde sich zeigen, würde sich plötzlich eignen und lebendig werden und mir das Unsichtbare entsperren. Es war doch nicht alles verloren.
Das scheint mir die Lehre von "Z Ypsilon X" - sowie zuvor von den romanartigen Werken "(Krieg und Welt)" und "Der Honigverkäufer im Palastgarten und das Auditorium Maximum". Peter Waterhouse verzaubert nicht durch erzähltechnische Spannung, also durch geschicktes Vorenthalten und scheibchenweises Zuteilen von Informationen, sondern durch seinen alle Register, vom Nonsense bis zur literaturwissenschaftlichen Exegese, beherrschenden Reichtum an Fragen, der gewohnte Trennlinien aufhebt. Alles, was in diesen Fragereichtum gerät, wird nicht nur lebendig, sondern unzähmbar wild, eigensinnig, mischfreudig, partisanenhaft umtriebig. Jedes Wort, egal an wie abgelegener oder naheliegender Stelle aufgelesen, mündet im Bewusstsein dieses ungewöhnlichen Autors in das eine große Geheimprojekt: das Aufleuchtenlassen verschwundener Menschen und die anschließende liebevolle Betreuung ihrer vorübergehend mit uns im Zimmer sitzenden Gespenster. CLEMENS J. SETZ
Peter Waterhouse:
"Z Ypsilon X". Roman.
Matthes & Seitz, Berlin 2025. 3 Bd., zusammen 1554 S., geb. 148,- Euro. br.
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