Ein Liebesroman, ein Gesellschaftsroman und ein Entwicklungsroman, der Gegensätze miteinander zu versuchen sucht.
Elizabeth Gaskell (1810 -1865) gilt in ihrer Heimat als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des viktorianischen Zeitalters, in Deutschland dagegen ist sie eher weniger bekannt. Deshalb ist es zu begrüßen, dass der Reclam Verlag in seiner Reihe " Reclams Klassikerinnen" ihren Roman "Norden und Süden" neu übersetzt und herausgegeben hat. Ursprünglich ist der Roman in zwanzig Fortsetzungen in der von Charles Dickens herausgegebenen Zeitschrift "Household Words" erschienen. Eine überarbeitete Buchausgabe folgte 1855.Viele von Elizabeth Gaskells eigenen Erfahrungen sind in den Roman eingeflossen; darauf wird auch im informativen Nachwort hingewiesen. Wir sind in England Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Industrialisierung löst die alte Agrarwirtschaft und damit die alten herrschende Klassen ab.Margaret Hale, eine Pfarrerstochter aus der südenglischen Provinz, freut sich nach Jahren bei der Londoner Verwandtschaft auf ihre Rückkehr ins Elternhaus. Doch als ihr Vater aus Gewissensgründen seine Stelle als Landpfarrer aufgibt, zieht die Familie nach Milton, eine aufstrebende Industriestadt im Norden Englands, die Manchester, dem Wohnort Gaskells, nachempfunden ist.Für Margaret und ihre Mutter ist die neue Umgebung ein Schock: Schmutz und Lärm und ein gesellschaftlich rauer Ton stoßen sie ab. Welch ein Unterschied zur ländlichen Idylle, die sie verlassen mussten. Margaret blickt voller Standesdünkel auf die neureichen Emporkömmlinge in Milton herab. Ihre Vorurteile sieht sie bestätigt, als sie den 30jährigen Fabrikbesitzer Thornton kennenlernt. Die beiden liefern sich erbitterte Wortgefechte. Dabei ahnt der Lesende schon früh, dass sich hier eine Liebesgeschichte anbahnt. Bis es aber so weit ist, müssen noch einige Hürden überwunden werden. Vorbehalte, Vorurteile und Missverständnisse stehen ihrer Liebe im Weg. Margaret lernt in Milton aber auch die Schattenseiten des neu entstehenden Kapitalismus kennen. Durch die Begegnung mit der gleichaltrigen Bessy wird sie mit den Lebensbedingungen der Arbeiterschaft konfrontiert. Die junge Frau ist todkrank, sie leidet an einer Staublunge, als Folge ihrer Arbeit in der örtlichen Baumwollfabrik. Margaret versucht die Familie zu unterstützen, so gut sie kann. Und Bessys Vater Mr. Higgins kämpft als Gewerkschaftsführer für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Ein Höhepunkt des Romans ist ein Streik der Arbeiter. Und als Thornton irische Streikbrecher in die Stadt holt, kommt es zu einem Aufstand ins Thorntons Fabrik.Margaret Gaskell hat mit "Norden und Süden" einen vielschichtigen Roman geschaffen. Zum einen erzählt sie eine unterhaltsame Liebesgeschichte, mit all den Verwirrungen, Eifersüchteleien und Fehlinterpretationen, wie sie typisch sind für Romane dieser Zeit. Zum anderen liefert das Buch v.a. ein Gesellschaftsportrait des aufkommenden Industriezeitalters. Dabei zeichnet die Autorin ein sehr realistisches Bild von den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterschaft. Sie zeigt die Spannungen auf zwischen Fabrikbesitzern und Arbeitern und ihre Sympathie gilt letzteren. Dabei propagiert sie nicht den Klassenkampf, sondern hofft auf eine Einigung durch den Dialog. Nicht zuletzt haben wir es hier mit einem Entwicklungsroman zu tun, nicht nur in Bezug auf die Hauptfigur. Margaret ist zwar von Anfang an eine intelligente und eigensinnige Persönlichkeit. Doch sie emanzipiert sich zunehmend im Verlauf der Geschichte, ist bereit, ihre vorgefertigten Meinungen zu hinterfragen und zu revidieren. Früh muss sie Verantwortung übernehmen, zahlreiche Schicksalsschläge lassen sie reifen. Aus dem ruhigen und mittellosen Mädchen wird eine Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Eine Erbschaft lässt sie sogar finanziell unabhängig werden.Und Thornton, der zu Beginn noch davon überzeugt ist, dass es jeder nach oben schaffen kann, wenn er nur fleißig und zielstrebig genug ist, wird eines Besseren belehrt.Auch wenn wir heute nicht mehr jede Gefühlsregung und jede Verhaltensweise der Protagonisten nachvollziehen können, so hat Margaret Gaskell ihre Figuren doch psychologisch stimmig entwickelt. Sie lässt ihnen ihre Fehler und Macken, gibt ihnen aber die Chance zur Weiterentwicklung. Auch die Nebenfiguren werden realistisch und nuancenreich gezeichnet. Gerade im Kontrast zueinander entwickeln sie Profil. Der Roman lebt auch von seinen Gegensätzen:Norden und Süden stehen sich gegenüber, verkörpert in den beiden Hauptfiguren Margaret und Thornton. Der Süden steht für die alte Gesellschaftsordnung, der Norden für die aufkommende.Es gibt den Konflikt zwischen Arbeiterschaft und Fabrikbesitzer, personifiziert in Higgins und Thornton. Die Autorin will die Gegensätze miteinander versöhnen, hofft auf eine Annäherung durch gegenseitiges Kennenlernen. Dass Gaskell keine radikalen Forderungen stellt, sondern in ihrem Buch für Versöhnung und Dialog eintritt, ist sicherlich ihrem christlichen Weltbild geschuldet. Wir lesen den Roman als Produkt seiner Zeit und da war Elizabeth Gaskell ihrer Zeit in manchem voraus. Sie hat auf die Schattenseiten der Industrialisierung hingewiesen und Lösungen angeboten, auch wenn uns die zu idealistisch anmuten. "Norden und Süden" ist ein Klassiker, der sich auch heute noch zu lesen lohnt.