
«Von Schicksalsschlägen lassen sich diese Frauen, die einander den Trost ihrer Gesellschaft schenken, nicht unterkriegen.» Die Zeit
Anna wollte nicht mehr. Und jetzt ist sie in einem Sanatorium. Dort lernt sie Elif kennen, die sich jeden Tag ein neues Märchen ausdenkt. Sie trifft Marija, die ständig Monologe über ihre tote Mutter hält. Sie begegnet der Soldatin Katharina, die jede Nacht Rotwein mit Wodka trinkt. Und dann ist da noch der Flamingo aus dem Kurpark, dem Anna von ihrer Emigration erzählt. Vor allem aber spricht sie mit ihrem Vogel tagtäglich über die Liebe. Denn die Liebe gibt es überall, gerade und sogar an einem so merkwürdigen Ort wie einer Klinik.
Elegant erzählt Anna Prizkau von Menschen, die das Glück suchen, ohne es wirklich finden zu wollen. Vom Fremden. Von den Verlorenen. Von Rollen und Erwartungen. Und dabei immer auch von der Kraft des Erzählens.
«Man muss einmal am Abgrund gestanden haben, wo es keine Illusionen mehr gibt, um zu begreifen, wie brüchig und verletzlich unser Gefühl von Glück ist und wie tief und bedeutsam für uns unsere Liebe ist. Anna Prizkau schreibt genau darüber - die Liebe, die uns allen Unglück bringt. Und uns zugleich so glücklich macht.» Serhij Zhadan
«Grandios, wie Anna Prizkau von Liebe und Schmerz erzählt. Ich liebe dieses Buch.» Ronya Othmann
Besprechung vom 14.10.2025
Erklärung zu dem, was nur "die Sache" heißt
Anna Prizkau erzählt in "Frauen im Sanatorium" von den vielfältigen Verstörungen durch Herkunft
Es ist sicherlich keine Besonderheit, dass über einen Text beim Bachmann-Preis gestritten wird, gilt doch die Jury-Diskussion seit jeher als Kräftemessen der Literaturkritik. Etwas außergewöhnlich ist es jedoch, wenn sich die Debatte prioritär mit dem Stil und kaum mit dem Inhalt eines Textes beschäftigt. Dies war der Fall 2021 bei der Autorin Anna Prizkau. Ihr dort auf Einladung von Philipp Tingler gelesener Text "Frauen im Sanatorium" ist nun in den gleichnamigen Roman eingegangen.
Doch noch einmal zurück zur damaligen Diskussion in Klagenfurt. Gleich zu Anfang stellte der Juror Klaus Kastberger fest, das Thema des Textes sei offenkundig, woraufhin er einige Schlagwörter fallen ließ, denen niemand widersprach: "Immigrationsfamilie, Schwierigkeiten in der Familie und die Übertragung des Schicksals der Mutter auf die Tochter". In puncto Stil war sich die Jury allerdings uneins. Die Meinungen reichten hier von "fehlendes poetologisches Konzept" bis zu "lakonisch elegant und gekonnt unprätentiös". Wie passte das zusammen?
Nun kann man natürlich etwas ausweichend antworten, dass Literatur seit jeher unterschiedlich gedeutet und gewertet wird; immerhin gibt es sogar die recht weit verbreitete Ansicht, dass sich gute Literatur durch ebensolche Deutungsoffenheit auszeichne. Etwas weniger erhaben ließe sich sagen: Das ist schlicht eine Frage des Geschmacks. Dass die Sprache in Prizkaus Roman ohne viele Bilder in einem nüchtern-beschreibenden Ton daherkommt, bestritt niemand. Die Frage ist nur, ob Simplizität als Kunstfertigkeit oder als Makel aufgefasst wird.
Dem Titel entsprechend, spielt der Roman in einem Sanatorium. Damit greift er einen etablierten literarischen Topos auf; gewiss gibt kaum ein Setting einen so guten Handlungsort her wie eine geschlossene psychiatrische Anstalt. In "Frauen im Sanatorium" trifft ein Haufen verschrobener Figuren aufeinander und bestreitet die Gruppentherapie genauso zusammen wie jede Mahlzeit. Dieser erzählerische Evergreen funktioniert auch bei Prizkau; noch dazu wird der getaktete Tagesablauf zu einer Art Rahmenerzählung, während innerhalb der Sitzungen beziehungsweise bei den Mahlzeiten dann jeweils in Rückblenden und Gedankenrede die eigentliche Frage verhandelt wird, die über jeder Figur schwebt: Welche psychische Krankheit soll hier kuriert werden?
Die Erzählerin Anna ist aufgrund eines Selbstmordversuchs im Sanatorium. Sie selbst bezeichnet jenen Abend, an dem sie eine Flasche Rum trank und sich danach auf dem Fahrrad von einem Auto anfahren ließ, als "die Sache". Der Grund ihrer Verzweiflung ist mit den oben zitierten Stichworten Kastbergers recht gut umrissen: Als Anna sechs Jahre alt war, verließen sie und ihre Eltern das Heimatland. "Mein Vater wollte nicht nach Deutschland ziehen. Ich auch nicht. Doch meine Mutter sagte immer wieder: 'Das ist unsere Zukunft.'" Diese Zukunft in Deutschland aber ist geprägt vom Streit der Eltern, der Schule, in der das Kind nichts versteht ("die Sprache nicht, die Kinder nicht"), und einem Gerichtsprozess, in dem die Mutter um die Anerkennung ihres Diploms und Doktortitels kämpfen muss - den Prozess gewinnt sie, doch dabei verliert sie sich selbst. Als die Mutter erkrankt und das Bett nicht mehr verlässt, verlässt wiederum der Vater sie für eine neue Freundin, und Anna übernimmt die Pflege. Damit vererben sich Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit der Mutter an die Tochter.
Was die anderen Frauen im Sanatorium angeht, kann Anna weniger präzise Diagnosen verteilen, schließlich gilt die unausgesprochene Regel: "Es war verboten, einander nach dem Grund des Aufenthalts zu fragen." Und doch lässt sich aus dem, was die Frauen einander erzählen, einiges schließen. Elif ist im Sanatorium, weil ihr Verlobter tödlich verunglückte, während sie ihm eine Affäre verheimlichte: "Das Unglück hatte sich Elif selbst gewünscht." Marijas Eltern wurden als Poeten in einer Diktatur verhaftet, als sie noch ein Kind war. Sie sah sie Jahre später zwar noch einige Male wieder, doch erkannte ihre eigene Mutter kaum wieder, da diese an den menschenunwürdigen Bedingungen im Lager zerbrochen war. Nun hat Marija selbst eine Tochter, die noch dazu Dichterin ist, zu der sie aber keine Beziehung aufbauen kann: "Sie hatte ihre Mutter mehr geliebt, als sie ihre eigene Tochter lieben konnte."
Neben diesen und weiteren Frauen spielt auch ein männlicher Patient eine Rolle: David. Mit ihm fängt die Erzählerin eine Liebschaft an, weniger aus eigenem Antrieb, sondern weil Elif ihr daraus Heilung verspricht. Noch dazu hat Anna von ihrer Mutter gelernt, sich im Zweifel einfach neu zu verlieben - "als Frau muss man geheimnisvoll und hübsch sein, das hatte meine Mutter mir gesagt". Statt also den Arzt ernst zu nehmen und ihr Schweigen in den Einzel- und Gruppensitzungen zu brechen, macht Anna das, was sie am besten kann: Sie kauft sich elegante Kleider, Dessous sowie einen Rasierer, verabredet sich mit David zum Abendessen in der Klinik und setzt alles darauf, dass die Rettung durch die Liebe dieses Mal funktionieren wird.
Bleibt am Ende noch die Frage, ob also Traumata beziehungsweise psychische Krankheiten derart ausschließlich bedingt durch Sozialisation, Herkunft, die eigenen Eltern sind. Anna ist sich in dieser Hinsicht zwar ziemlich sicher: "Ja, meine Eltern waren an allem schuld, das wusste ich schon vor der Sache. Sie waren auch daran schuld, dass ich im Sanatorium gelandet war." Doch schließlich lässt sich auch hier wieder mit etwas argumentieren, was gemeinhin als Qualitätsmerkmal von Literatur angeführt wird: Es bleibt ambivalent, ob Anna in ihren Einschätzungen so recht zu trauen ist. EMILIA KRÖGER
Anna Prizkau: "Frauen im Sanatorium". Roman.
Rowohlt Verlag,
Hamburg 2025.
304 S., geb.
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