Oyinkan Braithwaite sorgte mit ihrem bissig-feministischen Debüt "Meine Schwester, die Serienkillerin" für Furore, und auch mich hat dieser schwarzhumorige Krimi der etwas anderen Art begeistert. Daher war ich auf ihren zweiten Roman "Der Fluch der Falodun Frauen" sehr neugierig. Schnell wird deutlich, dass Braithwaite hier ein völlig anderes Genre bedient: Statt eines temporeichen Krimis erwartet die Leserinnen und Leser eine generationsübergreifende Familiengeschichte mit Anklängen an den magischen Realismus.Besonders gelungen fand ich, dass man gleich zu Beginn tief in die Kultur der Yoruba und ihre Mythologie eintaucht. Allerdings hätte ich mir für die deutsche Ausgabe unbedingt ein Glossar oder zumindest Anmerkungen gewünscht. Im Roman finden sich nicht nur einzelne Begriffe, sondern auch ganze Sätze auf Yoruba, deren Bedeutung sich oft nur ungefähr aus dem Kontext erschließt. Für ein nigerianisches Publikum mag das selbstverständlich sein, doch für die deutsche Übersetzung wäre hier etwas mehr Unterstützung sinnvoll gewesen. Ich hatte das Glück, auf Yoruba-Sprecher in meiner Familie zurückgreifen zu können - ohne diese Hilfe wäre mein Lesefluss deutlich stärker beeinträchtigt gewesen.Die Handlung hält einige überraschende Wendungen bereit, wirkt an anderen Stellen jedoch recht vorhersehbar. Interessant fand ich die Idee, den vermeintlichen Fluch der Frauen der Familie Falodun über transgenerationale Traumata und epigenetische Vererbung zu erklären. Dieser Ansatz eröffnet spannende Perspektiven, bleibt für meinen Geschmack aber zu knapp ausgearbeitet. Überhaupt greift Braithwaite viele anspruchsvolle Themen auf, ohne sie immer mit der Tiefe zu behandeln, die ich mir gewünscht hätte.Die Frauen der Familie Falodun sind ohne Zweifel beeindruckende Figuren: Sie sind stark, unabhängig, ziehen ihre Kinder alleine groß und gehen unterschiedlichsten Berufen nach. Gleichzeitig werden sie jedoch fast ausschließlich über ihre schwierigen oder gescheiterten Beziehungen zu Männern definiert. Für mich liegt der eigentliche Fluch daher weniger in einer übernatürlichen Kraft als vielmehr darin, dass diese Frauen ihre Vergangenheit nie wirklich hinter sich lassen können. Sie bleiben zu sehr an alten Verletzungen und familiären Mustern hängen, anstatt den Blick nach vorn zu richten.Trotz meiner Kritikpunkte habe ich den Roman gerne gelesen. Oyinkan Braithwaite erzählt atmosphärisch dicht und verbindet Familiengeschichte, Mythologie und gesellschaftliche Fragen auf interessante Weise. Nicht alle Ideen werden konsequent zu Ende gedacht, doch gerade die Einblicke in die Yoruba-Kultur und die unterschiedlichen Frauenfiguren machen "Der Fluch der Falodun Frauen" zu einem lesenswerten Roman. Für mich ist es ein guter, wenn auch kein sehr guter Roman.