Lisavets Vater ist nicht nur ein begnadeter Geschichtenerzähler, sondern auch ein talentierter Uhrmacher. Seine Uhren zeigen nicht bloß die Zeit an, sie besitzen die Fähigkeit, eine Tür in einen Raum jenseits der Zeit zu öffnen, an dem die Erinnerungen der gesamten Menschheit wohnen. An genau diesem Ort versteckt er seine Tochter im Jahre 1938 auf der Flucht vor den Nazis. Jahrelang lebt sie zwischen Bücherregalen voller Erinnerungen und lernt durch die Augen Fremder die Welt kennen. Doch sie ist nicht die einzige Besucherin: Zeitagenten verschiedener Länder kreuzen ihren Weg, während sie sich Erinnerungen aneignen, um die Geschichte nach ihren Vorstellungen zu lenken..."Das Buch der verlorenen Stunden" ist eines dieser Bücher, die sich nicht klar in die Schublade eines Genres einordnen lassen. In erster Linie scheint es ein fantastisch angehauchtes, nachdenkliches Gedankenspiel zu sein, doch es gibt auch eine Art von Zeitreisen und ein paar Elemente, die beinahe an Science-Fiction erinnern. Das Ganze wird dann präsentiert im Rahmen einer Spionagegeschichte, die größtenteils in den 50er- und 60er Jahren spielt. Auf diese eher ungewöhnliche Mischung muss man sich einlassen können. Die Geschichte dreht sich größtenteils um das Leben von Lisavet Levy, die nach der Pogromnacht von 1938 allein zurückbleibt, an einem Ort jenseits der Zeit, die lernt, mit den Geistern Verstorbener zu sprechen und Erinnerungen zu bereisen und schließlich zur Hüterin dieses magischen Ortes wird und sich in dem Zuge auch mit allerlei Agenten diverser Länder anlegt. Dabei findet sie allerdings nicht nur Konflikte, sondern auch unerwartet die Liebe.Erzählt wird die Geschichte in verschiedenen Zeitebenen von verschiedenen Protagonisten, die auf den ersten Blick überhaupt nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Schnell wird jedoch klar, dass sie mehr verbindet, als zunächst erwartet - beinahe zu schnell. Viele Wendungen in der Handlung waren leider relativ einfach vorherzusehen und so konnte man über manche bahnbrechende Erkenntnis einiger Charaktere nur müde lächeln.Statt um Spannung soll es in diesem Buch aber wohl sowieso eher um Menschlichkeit und Philosophie gehen. Die Autorin entwirft mit ihrer Idee, einem Raum gefüllt mit allen Erinnerungen aller Menschen und den Zeithütern, die eben diese bewahren oder zerstören, ein interessantes Gedankenspiel. Denn wer besäße mehr Macht, als jemand, der kontrollieren kann, woran jeder einzelne Mensch sich erinnert, der ganze Existenzen aus dem kollektiven Gedächtnis löschen kann? Dieses Szenario klingt beinahe nach 1984. Ganz so extrem wird es hier aber nicht. Stattdessen prallen Welten und Ideologien aufeinander, in Gestalt von Lisavet, die jede Erinnerung retten will, egal, wem sie vorher gehörte, und Ernest, der im Auftrag der CIA und dem höchsten Ideal im Herzen Erinnerungen auslöscht, die womöglich gefährlich sein könnten. Umgehend befasst sich das Buch mit Macht und der Verantwortung, die mit ihr einhergeht und außerdem mit der Frage, wie weit jeder einzelne bereit wäre zu gehen, bis er im Namen seiner Ideale zu seinem eigenen Feind wird.Leider wird das Buch mit fortschreitender Handlung aber auch zunehmend schwammig, beschäftigt sich zwischendurch lieber intensiv mit einer unmöglichen Liebesgeschichte und holt manchmal in weite Rückblenden aus, um dem Leser Dinge im Detail zu erklären, die er im Groben schon wusste. Der zentrale Konflikt wird auf den letzten Seiten dann erstaunlich schnell aufgelöst, das wiederum wird aber kaum erklärt, die Lösung wirkt fast ein bisschen überzogen und klingt nach schnellem Happy End, während der Weg dahin eher wenig geradlinig und auch nicht ganz nachvollziehbar war. Natürlich bietet dieses Buch keine umfassenden Erklärungen zu den Fantasy- oder Science-Fiction-Elementen, das war ja auch gar nicht das Ziel der Handlung, am Ende stehen manche Aspekte der Geschichte aber einigermaßen kontextlos im Raum.Der Konflikt ist gelöst, der moralische Wert wurde vermittelt und am Schluss bleibt ein optimistisches Gefühl, aber auch der Gedanke, dass man aus dieser Idee mehr hätte herausholen können, wenn der kreative Ansatz noch mehr als Ausdrucksmittel für nachdenkliche Fragen und Überlegungen genutzt worden wäre und weniger als Abenteuer, auch wenn das natürlich ebenfalls seinen Reiz hat. "Das Buch der verlorenen Stunden" ist ein einfühlsames, aber nicht besonders überraschendes Buch, das durchaus mit den richtigen Gedanken spielt und ein paar geschickte Fragen stellt, aber am Schluss nicht unbedingt zu klaren Antworten kommt und sein Potenzial nicht voll ausgeschöpft hat. Trotzdem ist es ein Plädoyer für die Macht der Erinnerung und erinnert uns daran, wie wichtig es ist, sie zu schützen und aus den Fehlern unserer Vorgänger zu lernen.