"Das Antiquariat am alten Friedhof" erzählt 1930 die Geschichte von vier Freunden, die alle Buchliebhaber sind. Gemeinsam machen sie es sich zur Aufgabe wertvolle Bücher zu stehlen und diese weiterzuverkaufen. Viele Jahre später 1945 ist von der Freundesgruppe nicht mehr viel übrig. Felix soll den Amerikanern helfen die Bücher der Nazis zu sortieren. Dabei trifft er vielleicht auf einen alten Bekannten und wird mit mehreren Mordfällen konfrontiert. Vergangenheit und Gegenwart sind untrennbar miteinander verbunden und Felix merkt, wie sehr die Ereignisse fünfzehn Jahre zuvor noch nachwirken.
"Das Antiquariat am alten Friedhof" ist der vierte Teil der Reihe "Die Geheimnisse des graphischen Viertels". Ich selbst kenne die Vorgänger nicht und muss sagen, dass ich das zu keinem Zeitpunkt der Geschichte gemerkt habe. Man kann das Buch also problemlos ohne Kenntnis der Vorgänger lesen, was ich sehr schön finde. Trotzdem werde ich mir nach diesem Buch die Vorgänger mal noch genauer anschauen.
Und das liegt daran, dass ich das Buch einfach grandios fand. Ich muss zugeben, dass ich das nach den ersten paar Seiten nicht unbedingt vermutet hätte. Denn zu Beginn hatte ich tatsächlich Schwierigkeiten in die Geschichte reinzukommen. Die ersten Seiten fand ich zwar interessant, waren für mich aber sehr holprig zu lesen. Als ich mich aber an den Stil gewöhnt und in die Geschichte reingelesen hatte, war das gar kein Problem mehr. Plötzlich fingen die Seiten an, nur so dahin zu fliegen.
Schnell musste ich feststellen, dass Kai Meyer wahnsinnig gut schreiben kann. Es war nämlich mein erstes Buch des Autors. Sein Stil ist nicht nur gut zu lesen, nein er ist auch dazu noch richtig schön. Die Zeitebenen mit denen Meyer arbeitet, verflechten sich über den Verlauf der Geschichte immer mehr und das stellt er wahnsinnig klug an.
Die Geschehnisse des Nationalsozialismus bzw. die Geschehnisse unmittelbar nach der Nazizeit im Zusammenhang mit der Buchbranche zu lesen, war für mich auch neu. Felix und seine Freunde, die alle gerne Bücher mögen und auf die ein oder andere Art tief mit Büchern verbunden sind, wuchsen mir schnell ans Herz und gaben nochmal eine andere Perspektive auf die Tragik des zweiten Weltkrieges. Wie viele Geschichten mögen wohl verloren gegangen sein? Wie viele Bücher wurden zu der Zeit oder danach für immer vernichtet? Das tat nochmal auf eine andere Art weh.
Durch seine wahnsinnig bildgewaltigen und grandiosen Schreibstil zeichnet Meyer 1945 ein Bild eines zerstörten Leipzig, das ich lange nicht mehr aus dem Kopf bekommen werde. Es ist wahrlich nicht mein erstes Buch, welches zu dieser Zeit spielt. Und trotzdem hat es mich erneut auf einer ganz besonderen Ebene berührt und mitgenommen. Ich glaube nicht, dass das jemals aufhören wird.
Als dann auch noch Krimielemente in die Geschichte mit reinkommen, war ich wirklich restlos gefesselt und begeistert. Ich finde die Mischung, die Kai Meyer hier geschrieben hat einfach wahnsinnig gut gelungen. Es wird berührend, traurig, teilweise entsetzlich aber eben auch sehr spannend und fesselnd. Viele Dinge bleiben lange unklar. Durch die immer wieder vorkommenden Zeitwechsel, werden die Geschehnisse noch eindeutiger. Aber oft gab es dadurch auch Momente in denen ich viele Fragezeichen hatte, was den Ausgang eben jener Geschehnisse angeht. Das fand ich wirklich super, denn es sorgte dafür, dass ich die Seiten immer mehr vorblätterte.
Und auch die Charaktere sind Meyer wirklich gut gelungen. Vielschichtig, spannend, nicht immer sympathisch, aber immer authentisch. Jeder einzelne macht die Geschichte rund und hat genau den richtigen Platz bekommen. Ich finde das Zusammenspiel untereinander, die Gegensätze, der Zusammenhalt und auch das Misstrauen ist so perfekt im Einklang, dass ich absolut gar nichts auszusetzen habe.
Dieses Buch wird mir für sehr lange Zeit in Erinnerung bleiben. Die nachdrückliche Erzählweise, die einmal mehr das dunkelste Kapitel unserer Geschichte beleuchtet und mir wieder einmal klar gemacht hat, wie wichtig es ist, dass wir die Ereignisse nicht vergessen. Die schonungslosen Schilderungen eines kaputten Leipzig und die spannenden Krimielemten, die mich an vielem haben zweifeln lassen, machen das Buch noch beeindruckender.
Ich lege das Buch allen ans Herz, die gerne gut geschriebene Geschichten lesen. Die sich gerne in eine Zeit entführen lassen, die zwar sehr viel dunkles hat, aber eben auch erzählt werden muss. Die nicht davor zurückschrecken, wenn schonungslos, stellenweise brutal ehrlich und spannend erzählt wird und die eine Geschichte über richtig und falsch und über Moral lesen wollen. Ganz klare Leseempfehlung von mir!