
Als Tochter von Wissenschaftler:innen verbrachte Atwood den Großteil ihrer Kindheit in der kanadischen Wildnis - der Start in ein Ausnahme-Leben. Es folgen die Jahre, in denen sie erst Teil der literarischen Bohème und dann zu jener Autorin wurde, deren legendärer »Report der Magd« (geschrieben im Berlin der 1980er Jahre) unsere Welt bis heute prägen. Atwood erzählt, wie es weiterging, lässt uns teilhaben an ihren Freundschaften, am Leben mit ihrem Mann Graeme. Das Ergebnis ist ein farbenfrohes, hochamüsantes Buch voller überlebensgroßer Figuren: Dichter, Bären, Hollywood-Schaupieler . . . Ein Einblick in ihr Schreiben, in die Verbindungen zwischen realem Leben und Kunst und in die Funktionsweise eines der kreativsten Köpfe unserer Zeit.
Besprechung vom 27.01.2026
Kapitänin vieler Papierschiffchen
Sie will sich nicht auf ein bestimmtes Genre festlegen lassen, aber Schreiben ist ihr alles: Die frisch erschienenen Memoiren von Margaret Atwood.
Zu den Memoiren haben mich meine Verleger überredet, die wollte ich nie schreiben." Das ist eine typisch doppelbödige Aussage der sechsundachtzigjährigen kanadischen Erfolgsschriftstellerin Margaret Atwood. In ihrem jahrzehntelangen literarischen Leben hat sie mehr als siebzig Bücher veröffentlicht: Gedichte, Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Kolumnen und Zeitkommentare.
In der Einführung zu ihrem mehr als siebenhundert Seiten starken Buch der Erinnerungen gesteht sie: "Mit der Zeit bekam die Idee einer Autobiografie einen schillernden, phosphoreszierenden Glanz. War nicht irgendetwas Verlockendes daran?, flüsterte mein finsteres Alter Ego." Und gleich im folgenden Satz plaudert Atwood munter fort, was denn so verlockend ist: "Ich könnte mich selbst ins beste Licht rücken, einen sanften Schleier über meine dümmsten und schlimmsten Taten legen und die Schuld dafür anderen zuschieben. Gleichzeitig könnte ich meine Wohltäter würdigen, meine Freunde beloben, meine Feinde fertigmachen und alte Rechnungen begleichen. Ich könnte ein paar pikante Details ausplaudern, ein bisschen Klatsch servieren." Mit nur wenigen Worten charakterisiert sie damit scharfzüngig, was das Dilemma vieler Autobiographien ist.
In diese Falle will und kann Atwood nicht tappen. Im Gegenteil, sie konfrontiert ihre Leser mit einer frappierenden Offenheit und Ehrlichkeit, mit Selbstironie und bissigem Witz. Sie braucht sich nicht zu verstecken, wirft keine Nebelkerzen und begibt sich, selbst neugierig, auf die Spuren ihrer verschiedenen Lebensphasen, um den Zerrspiegel zwischen realem Leben und einer Schriftstellerexistenz blank zu reiben. Mit Souveränität und Gelassenheit erzählt sie von Tief- und Höhepunkten ihres Lebens.
Alle Welt weiß, dass sie längst den Nobelpreis für Literatur verdient hätte, aber mit keinem Wort erwähnt Atwood die Tatsache, dass sie bis heute übergangen wurde. In einem Interview aus dem Jahr 2019 mit Julia Rothhaas wurde sie daran erinnert, dass der japanische Nobelpreisträger des Jahres 2017, Kazuo Ishiguro, sie unmittelbar nach der Preisverleihung angerufen und sich entschuldigt hatte. Die Antwort von Atwood lautete: "Das war so rührend von ihm." Auf die Nachfrage, ob Peter Handke sich je bei ihr gemeldet habe, erwiderte sie lakonisch: "Denken Sie, das könnte wirklich passieren? Hat er sich überhaupt je bei irgendjemandem entschuldigt?"
Da ist Atwood aus anderem Holz geschnitzt. In Kanada zur Schriftstellerin heranzuwachsen, war zu ihrer Zeit ein hartes Brot. Kanadische Literatur galt als provinzielle Randerscheinung. Wer etwas gelten wollte, musste nach London oder New York gehen, beziehungsweise dort veröffentlichen. Das hat auch Atwood beherzigt, aber sie blieb ihrem Land treu. Sie hat sich selbst auf den Weg gemacht und 1972 "Survival - A Thematic Guide of Canadian Literature" veröffentlicht. In Kanada erreichte dieser Titel eine unerwartete Auflage von hunderttausend verkauften Exemplaren. Die deutsche Übersetzung des Streifzugs durch ihre Heimatliteratur mit vielen hierzulande unbekannten kanadischen Autorinnen und Autoren erschien erst 2021.
Die Übersetzung der Memoiren hat nicht lange auf sich warten lassen. Sie lesen sich wie eine Kultur-, Verlags- und Literaturgeschichte Kanadas. Politische Ereignisse sind ebenso eingewoben wie die persönlichen Geschichten all ihrer Lebensgefährten. Zum frühesten einschneidenden politischen Erlebnis Atwoods geriet der Aufstand in Ungarn 1956. Sie war tief erschüttert. Als Sechzehnjährige verfasste sie damals eine Ode an die ungarische Revolution, und die ist nun in den Memoiren zitiert: "Ungarns erster Schnee ist fort, / der zweite wird bleiben am Ort." Im Rückblick nennt Atwood ihr Gedicht "unreif" und "ziemlich schlecht", kommentiert aber: "Niemand erwartet von dir, dass du beim ersten Mal gleich die Mondscheinsonate spielst." Sie hoffte weiter auf die Freiheit und Unabhängigkeit; sie tut es bis heute.
Von besonderem Zauber sind Atwoods Kindheitserfahrungen im Wald. Ihr Vater war Insektenforscher und verbrachte bis auf den Winter das ganze Jahr mit seiner Familie in der kanadischen Wildnis. Hier wuchs Atwood auf, ohne Strom, Telefon, fließendes Wasser, Heizung. Erst mit zwölf Jahren ging sie auf eine Regelschule in der Stadt. Und dennoch wollte Atwood Schriftstellerin werden, von klein auf. Und dies ist ein zweiter Strang in ihren Erinnerungen: das Entstehen der Romane, die Reaktionen der Kritik, die Aufnahme beim Publikum, die Orte, an denen sie schrieb, ob in Kanada, England, Italien, Frankreich oder während der Vogelbeobachtungsreisen zusammen mit ihrem zweiten Mann Graeme Gibson, mit dem sie mehr als vierzig Jahre lang zusammenlebte. Auch die Häuser, die die beiden bezogen, werden genau beschrieben - vor allem, wie das jeweilige Arbeitszimmer beschaffen war. Schreiben war immer Atwoods Lebenselixier.
Ihr erster großer und verstörender Roman erschien 1969: "Die essbare Frau". Damit galt sie wider Willen als Feministin. Der nächste literarische Durchbruch war dann 1986 "Der Report der Magd", die Vision einer theokratischen Zwangsherrschaft; damit galt sie als Science-Fiction-Vertreterin. Es folgte 1989 "Katzenauge", eine finstere Geschichte neunjähriger Mädchen, die sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen; damit galt sie als Freudianerin. In den Jahren 2016/17 folgte eine dreibändige Graphic Novel, und 2019 veröffentlichte sie die Fortsetzung des "Reports" mit dem Roman "Die Zeuginnen". Sie wollte sich in keine Schublade pressen lassen, war glücklich, zweimal den Booker-Preis erhalten zu haben, aber sie wollte sich nie vereinnahmen lassen.
2019 starb ihr über alles geliebter Mann Graeme Gibson, dem sie in den Erinnerungen ein eindrucksvolles Denkmal setzt. "Die Kunst ist lang, das Leben flüchtig, Die Schatten werden länger; es ist schwer, den Eindruck abzuschütteln, ich lebe im Halbschatten einer partiellen Sonnenfinsternis. Doch wie man sieht, schreibe ich weiter - jene Tätigkeit, die ich im Jahr 1956 begann, als ich sechzehn und die Welt völlig anders war. Wir segeln weiter in unseren Papierschiffchen, wir Schreibenden. Wackelige Gefährte - aber wir springen nicht ab. Ich jedenfalls nicht, noch nicht." LERKE VON SAALFELD
Margaret Atwood: "Book of Lives". So etwas wie Memoiren.
Aus dem Englischen von Helmut Krausser und Beatrice Renauer. Berlin Verlag, Berlin 2005. 768 S., geb.
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