Schreiend komisch und einfühlsam zugleich reist Mertz zu den Ufern der Manosphere und definiert quasi nebenbei Männlichkeit.
Eigentlich sind die Abgründe der Manosphere und toxische Männlichkeit das genaue Gegenteil von witzig. Aurel Mertz zeigt uns die Absurditäten auf, erzählt ganz persönlich und zieht die politischen Bezüge - und so ist sein (Hör)Buch schreiend komisch und doch einfühlsam. Quasi nebenbei definiert "Alpha Boys" Männlichkeit neu.Neben der Komik liegt die Stärke in Mertz' Buch in seinen biografischen Anteilen: Mertz ist wie er selbst schreibt mit starken weiblichen Bezugspunkten aufgewachsen, sein Vater und Onkel boten als männliche Bezugspunkte (zum Glück für ihn) ebenfalls keine toxischen Vorbilder. Gleichwohl kennt er neben rassistischer Diskriminierung auch misogyne, z.B. wenn er in der Schulzeit häufig für ein Mädchen gehalten wurde. Mertz beschreibt komisch und nachvollziehbar, wenn auch bei ihm Konkurrenzdenken, Behauptungswillen oder Gepflogenheiten einer Bro-Kultur reinkicken - einen riesigen Respekt vor seiner Selbstironie. Die düsteren Bereiche der toxischen Männlichkeit mit Inceltum, Trump und Putin spart Mertz nicht aus. Als Frau finde ich es wohltuend, wenn ich darüber mit Mertz lachen darf. Dazu liefert Mertz bei all der Comedy Fakten und Hintergrundwissen, das auf einer wirklich gelungenen Recherche beruht. Wenn sich Mertz dann auf den Weg zu einem Männer-Retreat nach Bali aufmacht, ist es wohltuend, dass er uns dabei hinter die Vorurteile mitnimmt. So bietet das Buch genau das, was gute Comedy ausmacht: Reflexion und eine dezidiert politische Dimension.Spannend finde ich, dass Mertz in vieler Hinsicht ein echtes männliches Vorbild ist, so dass ich das Buch meinem 14-jährigen Sohn schon zur Lektüre empfohlen habe.Und im Hörbuch höre ich Mertz, den ich eh als Comedian Klasse finde, total gerne zu. Einfach eine tolle Lesestimme.Hier hatte ich wirklich Spaß, 5 Sterne kann ich leider trotzdem nicht vergeben. Wenn Mertz Sätze der toxischen Männlichkeit antizipiert - z.B. wenn er kurz davor ist, Pick-Up-"Artists"-Tipps auszuprobieren, bevor er feststellt, dass er das nicht kann -, dann geht das für mich zwar manchmal haarscharf an die Grenze, finde ich mit der ironischen Brechung aber noch okay. Einige Male greift er dann aber doch daneben, wenn z.B. über einen Übergriff in der Sportumkleide mit einer vermeintlich witzigen Formulierung drübergebügelt wird. Da kommt Mertz den Gepflogenheiten selbst nicht aus, umso mehr das Beispiel genau illustrieren soll, warum er selbst sich von großen Männergruppen fernhält. I- und Z-Wort wären für mich in dieser Kodierung zudem stimmiger gewesen. Das Buch darf mein Sohn trotzdem hören, aber ich werde ihn im Vorfeld einen kleinen Warnhinweis mitgeben.Aber bis auf die Einschränkung finde ich Mertz' ironische Reise zur Männlichkeit sehr gelungen. 4 von 5 Sternen.