Sommer 1972 da werden eigene Erinnerungen wach, die sich gar nicht so sehr von denjenigen des zwölfjährigen Gigio unterscheiden. Ein warmer Sommer, Ferien, Unbeschwertheit, die erste Liebe, Chaos im Kopf und in der Seele. Das Erwachsenwerden ist halt universell und lässt den jungen Italiener ebenso wie unsereinen in die Pubertät purzeln. Da gilt es nicht nur das plötzlich außer Kontrolle geratene Haar zu zähmen und dem Friseur ein Schnippchen zu schlagen, um an die anstößigen Hefte unter der Theke zu gelangen. Da erwachen Gefühle, unbekannte, wunderschöne, schmerzliche, begleitet von der Musik von David Bowie und Cat Stevens. Herrlich, wie Sandro Veronesi die Stimmung des Sommers und die Gefühlslage des in die ein Jahr ältere Astel verliebten Jungen einfängt, auch wenn er dabei gelegentlich Längen in Kauf nimmt und sich im Erzählen zu verlieren scheint. Eine gewisse Spannung auf das Kommende bleibt, denn der Protagonist macht schon frühzeitig klar, dass er davon erzählen will, was ihm so früh, so unerwartet, so überstürzt, so brutal und so unwiderruflich geschah. Den älteren Leser:innen ist vielleicht die Schach-Weltmeisterschaft mit legendärer Partie nicht mehr präsent, dafür aber umso mehr das entsetzliche Olympia-Attentat der Terrorgruppe Schwarzer September. Auch in Gigios Leben bricht eine brutale Tat ein, dieser Sommer verändert sein Leben in jeder Hinsicht. Das Cover wirkt nur auf den ersten Blick idyllisch und unbeschwert. Doch die Idylle und Gigios kindliche Unbeschwertheit weichen einem harten Erwachen. Sandro Veronesi versteht sie, die Kunst des Erzählens, und dabei hört man ihm gerne zu.