Da hat Jo Nesbø wieder mal geliefert, würde ich sagen!
Dieses Mal begrüßt uns nicht Harry Hole sondern etwas gänzlich anderes, was mich sehr überrascht hat! "Insel der Ratten" ist eine düstere Dystopie, die sehr kompakt geschrieben ist und uns daher wirklich keine einzige Verschnaufpause gönnt. Nesbø zeigt wieder mal, dass er weiß, wie man Geschichten auf den Punkt bringt und macht Leserinnen wie mich, die gern temporeiche Geschichten lesen, wahnsinnig glücklich!!!
Und worum geht es hier?
Eine verheerende Pandemie hat die gesellschaftlichen Strukturen zerstört. Massenarbeitslosigkeit, Armut, Rechtslosigkeit. Marodierende Banden beherrschen die Straßen, der Staat existiert nur noch auf dem Papier. In dieser Welt rettet sich Colin Lowe, einer der reichsten Unternehmer des Landes, mit seiner Familie auf eine abgelegene Insel: Die Insel der Ratten, benannt nach ihren einzigen ursprünglichen Bewohnern.
Ein weiterer Ausweg ist ein Schiff, dass reichen Menschen eine Perspektive aus dem Chaos gewährt - aber eben nur all jenen, die isch das leisten können. Und dann ist da die Frage: Wer hat das Recht zu entscheiden, wer bleibt und wer geht. Das ist hier natürlich nur die eine Dimension. Dieser Roman ist wirklich wahnsinnig komplex und hat sehr viele Nebenschauplätze, die letzten Endes das Gesamtkonstrukt der Geschichte sind.
Was Nesbø gut kann und hier wieder zeigt, ist die Fähigkeit, seine Figuren in ethische Grenzsituationen zu treiben und dann zu beobachten, wie sie sich entscheiden. Die moralischen Dilemmata, die er in seinem Buch aufwirft, sind wirklich alles andere als subtil und damit tun sie beim Lesen auch ganz schön weh. Insofern kann man sich an einigen Stellen oder muss sich unausweichlich an vielen Stellen fragen, wie man selbst in ähnlichen Situationen handeln würde. Auf alle Fälle bleibt ein eigenartiges Gefühl zurück, wenn man das Buch dann gelesen hat.
Empfehlen würde ich es daher allen, die Nesbø als Autor schon mal generell mögen und neugierig sind, was er außerhalb seines gewohnten Formats so macht. Auch für alle, die Dystopien mögen, die knapp und ohne epischen Überbau erzählt werden, ist es eine absolut lohnende Lektüre. Wer dagegen die psychologische Dichte seiner besten Hole-Romane erwartet, wird hier definitiv enttäuscht werden. Das kann ich schon mal so sagen.
Also unterm Strich ist "Insel der Ratten" ein spannend erzähltes, unbehagliches kleines Buch über die Frage was Menschen tun, wenn es keine Regeln und Gesetze mehr gibt. Oder zumindest nur noch Bruchstücke davon. Ich fand es super und wünsche allen, die sich dafür entscheiden, viel Spaß beim Lesen!