
Siebzehn Jahre alt ist T. , als sich sein Vater, angesehener Arzt in einer süddeutschen Kleinstadt, im Jahr 1971 das Leben nimmt. Er stirbt nicht allein, eine jüngere Geliebte ist bei ihm. Ein familiäres Trauma - und ein öffentlicher Skandal. Die Welt der alteingesessenen Familie zerfällt. Zurück bleiben zwei halbwüchsige Kinder, eine vierzigjährige Witwe und die alte Mutter, die das Grab pflegt und zu trinken beginnt.
Es dauert viele Jahrzehnte, bis T. sich den Tatsachen stellt und vom Suizid seines Vaters erzählt, davon, wie es dazu kam, wie es danach weiterging - ein eindringlicher Bericht, der um existentielle Fragen kreist: Was ist Heimat, was Familie? Was bestimmt ein Leben? Was trennt Freiheit von Verantwortungslosigkeit, welche Rolle spielt Gesellschaft in der Provinz? Mit dem persönlichen Schicksal wird wie nebenbei deutsche Mentalitätsgeschichte sichtbar: Berührend und kraftvoll erzählt Thomas Medicus von einer Kindheit und Jugend in den 1950er und 1960er Jahren und der Zeit danach, von einem lebensprägenden Trauma. Ein tiefer Blick in den deutschen Seelenspiegel - und eine aufwühlende, persönliche Geschichte.
Besprechung vom 21.05.2026
Eine stille Qual
Thomas Medicus spürt einem mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Suizid nach
Schon einmal, 2014, machte sich der Publizist Thomas Medicus in seinen fränkischen Geburtsort Gunzenhausen auf, um sich auf eine - so der Untertitel seines Buches "Heimat" - "Suche" zu begeben. Er befasste sich damals unter anderem mit einem düsteren Kapitel der Stadtgeschichte, mit dem Palmsonntagspogrom von 1934, einem antisemitischen Übergriff von einer Brutalität, wie es sie in der frühen NS-Zeit zuvor nicht gegeben hatte.
Auch in Medicus' neuem Werk geht es am Rande um diesen Angriff eines Gunzenhäuser Mobs auf Juden; im Mittelpunkt steht jedoch eine private Katastrophe, die das Leben einer Familie dauerhaft erschütterte. "T.", so heißt die männliche Hauptfigur, die wir getrost mit dem Autor Thomas Medicus gleichsetzen dürfen, beschwört die Nacht zum 10. März 1971 herauf, als der damals Siebzehnjährige mit einer unfasslichen Nachricht konfrontiert wird: Sein Vater, der Landarzt Otto M., hat sich in einem Hotelzimmer das Leben genommen. Neben ihm wird die zwanzig Jahre jüngere, noch Lebenszeichen von sich gebende Geliebte des Vaters aufgefunden, die mit diesem in den Tod gehen wollte.
Mit Ende vierzig hat der beliebte, erfolgreiche, gutaussehende Arzt beschlossen, sein Leben zu beenden. "Manisch-depressiv", so lautet die Diagnose, die den Angehörigen wenig weiterhilft. Zurück lässt er seinen Sohn T., die zwei Jahre jüngere Tochter Charlotte und nicht zuletzt seine Ehefrau Sophie, mit der er zwanzig Jahre verheiratet war. Deren Schmerz ist umso größer, da ihr Mann nur ein paar lapidare Abschiedszeilen hinterlassen hat, die sich mit keinem persönlichen Wort an sie wenden. Sein psychischer Zustand mache es ihm unmöglich weiterzuleben - viel mehr hat Otto nicht mehr zu sagen, ehe er sich tödliche Gifte injiziert.
Mehr als ein halbes Jahrhundert später geht Thomas Medicus der Familientragödie nach, die für ihn immer allgegenwärtig geblieben ist. Behutsam und bewusst zurückhaltend nimmt er eine doppelte Perspektive ein: Er versucht nachzuzeichnen, wie er damals als Jugendlicher auf die Tat reagierte und wie er heute, nachdem er Recherchen und Reisen auf den Spuren des Vaters unternommen hat, mit dieser Zäsur seiner Biographie umgeht.
T. schildert Otto liebevoll - die Anrede "Papa" oder "Vater" hat der Sohn schon als Kind nie verwendet - als einen "sanften, empfindsamen Mann", der nichts von den Patriarchen der Wirtschaftswunderzeit an sich hat und, anders als seine Frau, nie auf den Gedanken gekommen wäre, seinen Sohn zu züchtigen. Mit der öden Kleinstadtexistenz gibt sich Otto nicht zufrieden, er liebt Cabriolets, ist ein eifriger Kinogänger, fotografiert, lässt sich Anzüge maßschneidern, ist voller "Ausbruchsenergie", und als er mit seiner Frau eine Zweitwohnung in München anmietet, genießt er das großstädtische Flair. Dennoch muss er sich immer wieder in Behandlung begeben, ehe er in eine Nervenklinik eingeliefert wird, aus der er, so scheint es, geheilt zurückkehrt.
In Rückblenden versucht T. dem freundlichen, aber verschlossenen Vater auf die Spur zu kommen. Er sieht sich alte Schmalspurfilme und die Diakästen an, mit denen der Vater - ganz der Mode der Sechzigerjahre entsprechend - endlose Abende bestritt. Zwei Fragen leiten T. bei seiner Recherche: Was hat der Selbstmord mit ihm gemacht? Wie prägend war er unterschwellig, als er sich rasch in eine ja nicht zu nahe gelegene Universitätsstadt flüchtete, Beziehungen einging und schließlich in West-Berlin landete? Und: Gibt es eine Antwort auf die Frage nach dem Warum, nach den letztlich nicht zu fassenden Gründen, die den Vater Suizid begehen ließen? So oft auch T. die Schwarz-Weiß-Fotos betrachtet und nach "Anzeichen" sucht - fündig wird er nicht.
Was für den Sohn zu einer reflektierten (Selbst-)Erkundung wird, bleibt für die Mutter eine stille Qual, über die sie nicht sprechen will. Zu sehr empfand sie Ottos Tat, über die sogar die "Bild"-Zeitung berichtete, als bloße Demütigung, als "Vertrauensbruch", der mit der unendlich großen Scham einherging, dem Gerede in der Kleinstadt ausgeliefert zu sein. Irgendwann tritt sie, für die (Selbst-)Disziplin alles war, die Flucht an, verlässt Franken und lässt sich an einem oberbayerischen Alpensee nieder, wo sie hochbetagt stirbt, sich selbst einredend, ein glückliches Leben geführt zu haben.
T. lässt die Mutter nicht an seinen Nachforschungen teilhaben - auch nicht als er spät, mehr als dreißig Jahre nach der Tat, die Polizei- und Gerichtsakten einsieht und erstmals Fotos vom Schauplatz des Geschehens sieht. Was er in den Akten liest, sorgt immerhin in einem Punkt für Beruhigung: Otto hat es seiner Geliebten selbst überlassen, eine - sich dann als zu schwach erweisende - Todesdosis einzunehmen, und wollte sie nicht mit eigener Hand töten. Auch das ein weiterer Schritt eines langsamen Genesungsprozesses, an dessen Ende T. den Suizid des Vaters nicht mehr als "Heimsuchung" empfindet.
Thomas Medius schlägt klugerweise einen ruhigen Ton an, der kein Pathos braucht, um vom Schrecklichen zu erzählen. Manchmal lässt er ein wenig viel Bildungsgut einfließen, wenn etwa Thomas Mann, der "große Münchner aus Lübeck", einen unnötigen Auftritt hat. Und manchmal geht er semantisch in die Irre: "Dem haben sie den Jagdschein entzogen", sage der Volksmund, wenn es um "Verrückte" und "Unzurechnungsfähige" gehe. "Einen Jagdschein haben" lautet die Redewendung in diesem Fall richtig.
Rätselhaft bleibt, warum "Vaterlos" die Gattungsbezeichnung "Tatsachenroman" abbekommen hat. Diese lässt eher an Bücher von Upton Sinclair, Truman Capote oder James Ellroy denken. Dessen Roman "Die Rothaarige", der um die Ermordung von Ellroys Mutter und um die Suche nach den Tätern kreist, referiert Medicus, ohne darüber hinwegtäuschen zu können, dass sein bewusst nicht romanhaftes "Vaterlos" herzlich wenig mit dem Schreiben Ellroys zu tun hat.
Schaden aber fügt die Bezeichnung "Tatsachenroman" Thomas Medicus' einfühlsamem, nachdenklichem Bericht nicht zu. Die mühsame, nie ans Ende kommende Erkundung eines Familiendesasters macht deutlich, wie lange es dauern kann, bis die Vergangenheit kein gemiedener Fremdkörper mehr im eigenen Leben ist. RAINER MORITZ
Thomas Medicus: "Vaterlos". Ein Tatsachenroman.
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2026. 216 S., geb.
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