Das Lesevergnügen musste ich mir zu Beginn etwas erarbeiten. Zum einen gab es eine Fülle von Namen und zum anderen wechselt die Autorin ohne Vorwarnung die Zeitebenen. Nach kurzer Eingewöhnungsphase nahm mich die Handlung dann gefangen.
Die über 80jährige Inge erhält eine Einladung zu einem Klassentreffen in die alte Heimat, nahe Celle. Ein Anlass zu freudigen Aufregung sollte man meinen. Bei Inge weckt es Erinnerungen, die mit Unbehagen und Schuldgefühlen gepaart sind. Dabei sind die ersten Eindrücke in meinen Augen durchaus schön - eine Kindheit, die ein wenig an Bullerbü erinnert. Inge wächst mir ihrer alleinerziehenden , einer Ärztin, in einem kleinen Weiler auf. Es ist zudem die Zeit kurz nach dem 2. Weltkrieg, in der alle nur das Geschehene vergessen wollen und sich nicht verantwortlich fühlen. Helga, eine Journalistin, soll eine Chronik über die Kriegsereignisse in der Region schreiben und erfährt in ihren einfühlsamen Gesprächen mit der Bevölkerung vieles, das ihr Beklemmung bereitet. Warum wurden die Täter, die heute noch das Sagen haben, nicht bestraft ? Welches Geheimnis hat Inges Mutter, deren Arzthelferin ermordet wurde ? Die alten Seilschaften funktionieren noch. Die Schuldigen leben fröhlich weiter.
Als Inge doch zum Klassentreffen fährt, erhält sie Einblick in Helgas Nachforschungen und plötzlich fallen Puzzleteile an ihren Platz. Viele positive Erinnerungen bekommen Flecken. Inge muss sich der Frage stellen, Schweigen oder die Wahrheit in die Welt tragen .
Mich hat beeindruckt, wie die Autorin es schafft , die Idylle von damals immer mehr zu einem Ort des Schreckens werden zu lassen. Dieses Schweigen und Verdrängen damals hat mich wütend gemacht und auch fassungslos., weil es zu weiterem Unrecht geführt hat. Vor allem Inge tat mir leid. Ihre kindliche Sicherheit wird nachträglich zerstört. Helga habe ich bewundert, weil sie den Mut hatte, das richtige zu tun und Unrecht als solches zu benennen. Und das obwohl ihr Leben bedroht wurde. Wer nun glaubt, die Autorin habe sich das alles nur ausgedacht , wird im Anhang eines besseren belehrt. Hier nennt die Autorin die historisch belegten Namen und Ereignisse, die im Roman ihren Niederschlag gefunden haben. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, das auf unterhaltsame und informative Weise einen weiteren Aspekt des Dritten Reiches beleuchtet.