REZENSION Anfangs verlangt der bereits 2020 im Original erschienene und nun im Juni beim Luchterhand Literaturverlag auf Deutsch veröffentlichte Roman Das Pfarrhaus der britischen Schriftstellerin Carys Davies etwas Geduld. Was als scheinbar harmlos-seicht erzählte Geschichte über die Ankunft des über 50-jährigen Engländers Hilary Bird in einem einst von britischen Kolonialbeamten aufgebauten südindischen Bergdorf beginnt, entwickelt sich erst allmählich und fast unmerklich zu einer Tragödie.
Der konservative und lebensuntüchtige Bibliothekar Hilary Bird ist an den Neuerungen und Herausforderungen der modernen Zeit gescheitert. Nach einem psychischen Zusammenbruch sucht er in Indien die nötige Erholung. In kühler Bergluft findet er Aufnahme im Pfarrhaus eines englischen Missionars und fühlt sich schon bald heimisch, da Klima und britisch geprägtes Ambiente ihm zusagen. Außer zum Pfarrer baut er langsam eine gewisse Nähe zu dessen Haushälterin Priscilla auf, einer körperlich behinderten jungen Frau aus der christlichen Minderheit des Ortes, sowie zum Rikschafahrer Jamshed. Trotz des scheinbar friedlichen Alltags gibt es hin und wieder irritierende Anzeichen unterschwelliger Probleme im Land, für die Hilary Bird allerdings kein Gespür hat. Ihn charakterisiert die Autorin eindrucksvoll als lebensfremden, verletztlichen und autistisch wirkenden, menschenscheuen Mann, der selbst in der Fremde des indischen Bergdorfes seinen geregelten Tagesablauf braucht.
Der fremdartigen Kultur Indiens und seinen Bewohnern vermag er sich nicht zu öffnen. Während ihn die Hitze und Hektik in der Landesebene und die für ihn ungewohnte Lebensart der Einheimischen in den Tagen zuvor abgeschreckt hatte, fühlt er sich in der heimatlich-britisch geprägten Atmosphäre des abgelegenen Bergdorfs wohl. Für die Menschen wie seinen Rikschafahrer Jashmed, in dem Bird nur den untergeordneten Dienstleister sieht ist er unempfänglich. Während der täglichen Fahrten erzählt er ausschließlich von sich selbst und seinen Nöten, ohne sich für Jamsheds Leben oder dessen Sorgen und Probleme zu interessieren: Seit Wochen fuhr er [Jamshed] den Mann durch die Stadt, und immer hatte er das Gefühl, dass es Mr Bird kaum interessierte, ob er da war oder nicht, dass Mr Bird es gar nicht bemerken würde, wenn auf dem Vordersitz plötzlich kein Mensch säße, sondern ein Holzklotz oder ein Kartoffelsack. Er würde einfach weiterreden , und ob Jamshed mit in der Rikscha saß oder nicht, war egal.
Auch in ihrer Beziehung zur Haushälterin Priscilla glauben der Pfarrer und Bird in europäischer Überheblichkeit und missionarischem Übereifer zu wissen, was gut für die junge Frau ist, und meinen wenn auch gewiss in bester Absicht rücksichtslos über ihr Leben bestimmen zu können. Niemals fragen sie Priscilla nach deren eigenen Wünschen und Träumen.
Der Roman Das Pfarrhaus lässt sich als Gleichnis für die politische Überheblichkeit westeuropäischer Länder und früherer Kolonialmächte gegenüber Entwicklungs- und Schwellenländern lesen. Wie Hilary Bird seinen Rikschafahrer übersieht, beurteilen viele Europäer diese Länder nach europäischem Maß und missachten die dort seit Jahrhunderten gewachsenen landestypischen Kulturen und Traditionen, die unterschiedlichen Ansprüche verschiedenartiger Ethnien und deren Religionen. Stattdessen verfolgen europäische Missionare heute ebenso wie damals zur Kolonialzeit nur eigene machtpolitische und wirtschaftliche Interessen und schüren dadurch Hass und Feindschaft mit unabsehbaren Folgen wie es auch Hilary Bird erfahren muss.
Clarys Davies hat ihre ganz eigenwillige, zurückhaltende Erzählweise. Sie verzichtet auf Dramatik, wovon man sich bei Beginn der Lektüre nicht täuschen lassen darf. Denn ihre stilistische Stärke liegt in der eindrucksvollen Beschreibung kleiner zwischenmenschlicher Begegnungen, menschlicher Einsamkeit und kultureller Missverständnisse sowie vor allem in der ungewöhnlichen Atmosphäre einer unmerklich unter der Oberfläche brodelnden Gefahr. Das Pfarrhaus ist ein ungewöhnlicher, stilistisch interessanter Roman, in den man sich erst hineinlesen muss, der nach Ende der Lektüre aber umso länger nachwirkt.