Ich bin beruflich hier. Ich soll ein Deradikalisierungsprogramm für IS-Frauen leiten." (S. 19) Mit diesem Satz stolpert Nadia in den Irak, und wir stolpern mit. Nussaibah Younis' Debütroman fundamentalös (Unionsverlag, 2026, 384 Seiten, übersetzt von Jasmin Humburg) ist kein Roman, den man problemlos einordnen kann. Er ist Satire und psychologisches Porträt zugleich, politische Analyse in Romanform und eine Geschichte über Frauen, die in Systemen feststecken, die nicht für sie gebaut wurden.
Worum geht's?
Nadia ist Akademikerin, Irak-Expertin, frisch verlassen und nimmt einen UN-Job an, weil das private Chaos unerträglich geworden ist. Im Camp trifft sie Sara, eine Londonerin mit Teenagerwut, die sich mit fünfzehn dem IS angeschlossen hat. Was die beiden verbindet, ist mehr als muslimische Sozialisation in derselben Stadt: Es ist eine Art geteilte Erschöpfung darüber, nirgendwo vollständig hinzuzugehören. Ihre Freundschaft ist das emotionale Zentrum des Romans und der Ort, an dem Younis am präzisesten schreibt.
Meine Meinung
Was mich sofort eingenommen hat, war der Ton: direkt, rau, manchmal wirklich schwer zu schlucken. Younis schreibt ihre Figuren nicht als bessere Menschen, sondern authentisch. Nadia ist keine Heldin. Sie ist jemand, der wissen sollte, wie es geht, und trotzdem einen Fehler nach dem anderen macht. Dass das so komisch ist, liegt nicht daran, dass Younis die Ernsthaftigkeit der Situation kleinredet, im Gegenteil. Sie nutzt Humor als Seziermesser. Besonders deutlich wird das in dem Moment, in dem Nadia die Absurdität eines offiziellen Empfangs auf den Punkt bringt: Ihr wollt die Hübschen? Ich schätze, dann wollt ihr auch, dass sie möglichst jung, traumatisiert und hilflos sind, was? [] Gibt es eine NGO, die das finanzieren würde?" (S. 174).
Der Roman zeigt, dass Macht keine individuellen Bösewichte braucht. Es sind die Strukturen, die wirken: Geldflüsse, die an den Betroffenen vorbeilaufen. Hilfsorganisationen, die eigene Ziele verfolgen. Deradikalisierungsprogramme, die westliche Vorstellungen von Normalität durchsetzen, ohne zu fragen, was die Frauen selbst brauchen. Younis schreibt das nicht als Anklage gegen Einzelpersonen, sondern als nüchterne Bestandsaufnahme; eine Welt, in der, wie es an einer Stelle heißt, die Vereinten Nationen sich um das Gerippe des Landes geschlungen hatten wie eine wuchernde Pflanze" (S. 26).
Die autobiografischen Züge des Romans geben ihm sein Fundament: Younis hat zehn Jahre im Irak gearbeitet, die irakische Regierung zu Deradikalisierungsprogrammen beraten, und wurde selbst streng muslimisch erzogen; mit Kontakt zu Personen, die später in al-Qaida-Strukturen gerieten. Das ist kein akademisches Interesse an einem fernen Thema. Das ist gelebtes Wissen, das den Text trägt und ihm eine Autorität verleiht, die man spürt.
Wo der Roman mich stellenweise zurückgelassen hat: Nadias Motivation hinter ihren Entscheidungen habe ich nicht immer verstanden. Es ist nicht immer greifbar, warum sie tut, was sie tut. Das hat bei mir stellenweise eine Distanz erzeugt, weshalb das Buch am Ende auch kein Highlight geworden ist, sondern "nur" das Prädikat "sehr lesenswert" bekommt.
Fazit
"Fundamentalös" ist ein Buch für alle, die White Saviourism satt haben, Bürokratie als Gewaltform verstehen, und sich von einem Debütroman fordern lassen möchten. Herzlichen Dank an netgalley.de und den Unionsverlag für das digitale Rezensionsexemplar.