"Meine Klasse. Wer hat überlebt???"
Die Israelin Sara Hinde Rosenstock notierte die Frage auf Hebräisch auf der Rückseite ihres Klassenfotos. Die Frage beschäftigte sie ihr ganzes Leben lang. Von den 48 Kindern auf dem Klassenfoto der dritten Klasse haben elf nicht überlebt. Sie alle gingen in die 1924 gegründete Jüdische Volksschule in München, gleich neben der Synagoge. Auf dem Foto sind sie durchnummeriert. In dem Fall ist das keine Perfidie der Nazis, sondern der Sorgfalt des jüdischen Münchner Orientalisten Karl Süßheim zu verdanken, der die Namen und die Abbildungen der Klassenkameraden seiner Tochter auf diese Weise gerettet hat.
Das Foto, das eine der beiden Autorinnen im Zug ihrer Recherchen zur Biographie Süßheims fand, war der Ausgangspunkt der Recherche. Studentinnen und Studenten der Münchner LMU forschten nach den Schicksalen und dokumentierten die Lebenswege der Kinder und ihrer Eltern. Kristina Milz und Julia Schneidawind konzentrierten sich dann für ihr Buch auf einige Schicksale, die sich deutlich voneinander unterscheiden, berichten aber auch immer wieder von den Spuren der anderen Kinder.
Dass viele Kinder der Klasse überlebt haben, rührt daher, dass die deutschen Familien mehr Zeit hatten, sich um Auswanderungsmöglichkeiten zu kümmern als die Juden in den überfallenen Ländern. Das Buch erzählt mit vielen Details und Anekdoten vom zunehmend schwieriger werdenden Alltag der Kinder in München. Von der oft vertretenen Meinung der Eltern, schlimmer könne es ja nicht werden, von den immer wieder vergeblichen Bemühungen um Ausreisevisa, von den Verhaftungen der Väter, den Hausdurchsuchungen durch die Gestapo - und doch von einer Kindheit in München, an die sich manche Überlebenden später gern erinnern. Die Schule war ihr abgeschirmter Rückzugsort, Raum für Erfahrungen und Freundschaften.
Sie entkamen mithilfe der Kindertransporte nach Großbritannien, sie wurden zu früher ausgewanderten Verwandten verschickt, überlebten im Versteck oder im Lager den Krieg oder flohen in letzter Minute mit ihren Eltern. Die Süßheims verschlug es mit ihrer Familie in die Türkei. Dort "gab es sogar ein eigenes Wort 'Heymatloz'. Der Begriff findet sich heute in jedem türkischen Wörterbuch."
Einer der Überlebenden, Dan Golomb, war zu Kriegsende mehr tot als lebendig aus dem Todeszug gezogen worden, der aus dem KZ Mühldorf in Seeshaupt am Starnberger See ankam. Bei einer Gedenkveranstaltung im Jahr 1995 dort (die vielen Einwohnern gar nicht gefiel) betonte er:
"Ich weiß, Sie wollen [mit dieser Erinnerungsfeier] auf ihre Weise zum Ausdruck bringen, daß jene Ereignisse des Schreckens, jene unbeschreiblichen Brutalitäten nie wieder geschehen dürfen. [...] Wir müssen Erinnerungen dieser Art wachhalten hier in Seeshaupt, wie auch in Lübeck und Hannover, in Little Rock, in Belfast, in Sarajewo.[... W]ir müssen unsere Kinder lehren, daß Völkerhass und Rassismus, nationaler Eigendünkel und Ausländerfeindlichkeit, Diskriminierung und Intoleranz keine Gültigkeit haben dürfen in unserer Welt."
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Ein besondere Leseempfehlung! Für alle Münchner sowieso.
Im Dezember 2026 beginnt eine Ausstellung, die diese Schicksale der Münchner Kinder zum Thema hat: "Klassenfoto" im NS-Dokumentationszentrum München.
Ausführlicher auf meinem Blog: www.kultursalon.blog