Julie Orringer erzählt eine vielschichtige Familiengeschichte, in der Liebe, Untreue, Verrat und der schleichende Verlust der eigenen Identität eng miteinander verwoben sind. Im Zentrum stehen Dava und Barr Pennington, deren Ehe durch unausgesprochene Wahrheiten, persönliche Verletzungen und Davas Alzheimer-Erkrankung zunehmend auf die Probe gestellt wird.
Besonders beeindruckt hat mich, wie einfühlsam und zugleich unaufgeregt die Autorin den Verlauf der Alzheimer-Krankheit beschreibt. Zu lesen, wie Dava nach und nach den Zugang zu ihren Erinnerungen und schließlich zu Teilen ihrer eigenen Persönlichkeit verliert, fand ich bedrückend. Dabei wird nicht nur ihr Leid spürbar, sondern auch die Hilflosigkeit der Menschen, die ihr nahestehen. Gerade diese leisen, unsentimentalen Momente haben mich berührt.
Auch die Figuren empfand ich als glaubwürdig, gerade weil sie keineswegs nur sympathische Seiten zeigen. Barrs Entscheidung, Davas unvollendetes Manuskript als sein eigenes Werk zu veröffentlichen, hat mich besonders beschäftigt. Seine Überforderung mag manches erklären, rechtfertigt seinen Vertrauensbruch für mich jedoch nicht. Gleichzeitig gelingt es Julie Orringer, ihn nicht allein auf diese Tat zu reduzieren. Die inneren Widersprüche der Figuren machen die Geschichte interessant, weil sie dazu anregen, über moralische Grenzen und die eigenen Vorstellungen von einem guten Charakter nachzudenken.
Sehr gefallen hat mir außerdem die Erzählweise aus wechselnden Perspektiven. Nach und nach setzt sich ein umfassenderes Bild der Beziehungen und Geheimnisse zusammen. Dadurch gewinnen auch die Nebenfiguren an Tiefe. Die Hündin Luna empfand ich dabei als etwas Besonderes. Ihre Begegnungen mit Barr haben eine beinahe märchenhafte Qualität, die sich von der ansonsten realitätsnahen Handlung abhebt. Für mich steht Luna sinnbildlich für bedingungslose Zuwendung und jene Form des Verstehens, die zwischen Menschen manchmal verloren geht, sie ist der gute Charakter.
Julie Orringer schreibt bildhaft, feinfühlig und mit einem ausgeprägten Gespür für zwischenmenschliche Nuancen. Allerdings fiel mir die Lektüre nicht durchgehend leicht. Das Buch hat für mich spürbare Längen, in denen die Handlung nur langsam vorankommt und ausführliche Beschreibungen den Erzählfluss bremsen. Zeitweise musste ich mich regelrecht zum Weiterlesen überwinden, obwohl mich die grundlegende Thematik durchaus interessiert hat. Auch die stellenweise surrealen Elemente haben mich nicht immer überzeugt, da sie für mich nicht ganz mit dem ansonsten realitätsnahen Erzählton harmonierten.
Dennoch hat mich das Buch zum Nachdenken gebracht. Es ist keine Geschichte, in der sich die Figuren eindeutig in gute und schlechte Menschen einteilen lassen. Vielmehr zeigt sie, wie eng Zuneigung und Selbstsucht, Fürsorge und Überforderung miteinander verbunden sein können. Für mich ist Ein guter Charakter ein sprachlich anspruchsvoller und thematisch tiefgründiger Familienroman, der besonders durch seine differenzierte Darstellung der Alzheimer-Erkrankung und seiner moralisch widersprüchlichen Figuren überzeugt.