Mit Wir waren Wunder gelingt es Stefan Cordes nach Billie erneut, eine fast vergessene historische Persönlichkeit so lebendig werden zu lassen, dass sie sich anfühlt wie eine Frau aus der Gegenwart. Der Roman erzählt von der außergewöhnlich begabten Musikerin Mariann Mozart, deren Talent von ihrem eigenen Vater zunächst gefeiert und schließlich systematisch unterdrückt wird. Leopold Mozart erscheint dabei als ein Mann, dessen Ehrgeiz und Geltungsdrang das Leben seiner Kinder bestimmen. Besonders die Vater-Tochter-Beziehung hat mich beim Lesen immer wieder wütend gemacht. Ich habe mit Mariann mitgelitten, ihren Schmerz und ihre Enttäuschung gespürt und ihrem Vater mehr als einmal die Stirn bieten wollen. Gleichzeitig tat mir auch Wolfgang leid, der ebenfalls unter den Erwartungen seines Vaters zu leiden hatte, wenn auch auf ganz andere Weise.
Was mir besonders gefallen hat, ist die Art, wie Cordes erzählt. Trotz des historischen Settings wirkt die Sprache leicht, modern und nahbar. Nie hatte ich das Gefühl, einen klassischen historischen Roman zu lesen. Stattdessen war ich ganz in Marianns Gedanken und Gefühlen und habe jede ihrer Entscheidungen mitverfolgt. Toll fand ich außerdem, dass der Roman das tragische Schicksal seiner Protagonistin nie ausschlachtet. Die Geschichte ist bewegend, ohne kitschig oder überdramatisch erzählt zu werden.
Für mich ist Wir waren Wunder ein Roman, der einen ganz neuen Blick auf die Familie Mozart wirft. Es ist ein Buch über weibliches Talent, das unsichtbar gemacht wird, und über familiäre Machtverhältnisse. Christian Cordes hat mich auch mit diesem Roman wieder überzeugt. Ich werde auch sein nächstes Buch ganz sicher lesen.