3,75 Sterne
Stefan Cordes ist einer der wenigen Autoren, die ich kenne, der es schafft, junge Frauen authentisch und nah zu beschreiben und ihr Innenleben realistisch darzustellen. Seinen ersten Roman "BILLIE" hab ich geliebt und zähle ihn zu meinen Lieblingsbüchern. Natürlich habe ich dem Erscheinen seines neuen Romans entgegengefiebert. In "Wir waren wunder" erzählt der Autor die Familiengeschichte Mozarts. Im Fokus steht die ältere Schwester von Wolfgang Amadeus Mozart: Mariann, "Nannerl" genannt. Aufgewachsen in Salzburg, reist sie bald mit Ihrer Familie nach Wien. Der Vater Leopold, der es selbst als Musiker nicht weit gebracht hat, setzt alles daran, seine begabten Kinder als "Wunderkinder" zu vermarkten. Dabei reist er mit der ganzen Familie durch Europa - von Wien nach Paris und London. Streng verfolgt er seinen Plan, Berühmtheit zu erlangen, und nimmt dabei keine Rücksicht auf die Gefühle seiner Tochter. Bald stellt sich heraus, dass eine Karriere für eine junge, begabte Pianistin im 18. Jahrhundert kaum möglich ist, und der Vater konzentriert sich immer mehr auf seinen Sohn. Stefan Cordes erzählt wieder die Geschichte einer jungen, vergessenen Künstlerin. Dabei schildert er nicht nur das Leben dieses kleinen "Familienunternehmens" Mozart, sondern auch den Weg einer jungen Frau, die ihre Freundinnen in der Kleinstadt Salzburg verlassen musste, sich in Wien zurechtfinden und neue Freundschaften schließen muss. Ich habe richtig mitgefühlt, wie viel Druck der Vater auf die Kinder ausübt und wie sehr er sie drillt - aber auch, wie stark eine junge Frau an den Rand gedrängt wird, da es zu dieser Zeit einfach keinen Platz für berühmte Frauen gab. Wie auch schon bei "Billie" hat Stefan Cordes es geschafft, Fakten mit Fiktion zu verbinden und die Sprache nicht zu altmodisch klingen zu lassen. Allerdings hat mich die modernere Sprache hier manchmal irritiert. Zudem habe ich für mich festgestellt, dass die historisch fehlenden Fakten über Nannerls Innenleben bei mir zu einer leichten Distanz zur Geschichte geführt habe. Und doch habe ich das Buch gern gelesen, da ich Neues über Mariann Mozart gelernt habe. Besonders faszinierend fand ich, wie lebendig und detailliert die damalige Musikszene beschrieben wird. Ich habe erfahren, wie anstrengend das Leben der Familie war und wie kompliziert die Beziehung zu Nannerls Vater Leopold. Ich werde definitiv auch das nächste Buch von Stefan Cordes lesen! S.83 "Sie versucht, die Beiläufigkeit seiner Worte fortzuschieben und die Wut, die in ihr aufsteigt, zu verscheuchen, doch es gelingt ihr nicht. "Gott zeigt seine Gerechtigkeit, indem er ein zwölfjähriges Mädchen sterben lässt?", fragt sie ihn, ihre Stimme klingt giftig. Vielleicht ist in Wien zu viel geschehen zwischen ihm und ihr."S.162 ""Der verlorene Sohn ist heimgekehrt", sagt er, breitet die Arme aus, dann umarmen sich die beiden, klopfen sich gegenseitig auf den Rücken, und ihr fällt ein, dass sie noch nie gesehen hat, wie ihr Vater jemanden umarmt, abgesehen von Wolfgang und ihr, nicht einmal ihre Mutter."S.279 "Ein berühmter griechischer Philosoph", erklärt er. "?Panta Rhei? bedeutet: Alles fließt, alles verändert sich. Wir sind dieselben, und doch sind wir es nicht. Ihr wart Kinder, jetzt seid ihr es nicht mehr. Als Kinder wart ihr Freundinnen, doch nun nicht mehr."