Rund zehn Jahre nach der Wende haben sie und ihr damaliger Mann das Wochenendhaus in einer Waldsiedlung namens Vogelsang im südlichen Vorpommern erworben. Nun, 21 Jahre später, hat die Autorin im mittleren Alter das Gebäude am See, das früher als Waldschänke eine Kneipe beheimatet hat, wieder verkauft. Sie nimmt Abschied von dem Haus in der ostdeutschen Provinz, in das sie viel Arbeit gesteckt hat und das sie durch einige Lebensphasen begleitet hat
Alleinruhelage ist ein Roman von Eva Menasse.
Wer eine gradlinige oder handlungsgetriebene Geschichte erwartet hat, wird von diesem Werk enttäuscht. In 14 Kapiteln und einem mäandernden, assoziativen Schreibstil nimmt uns die Ich-Erzählerin mit auf eine Reise durch ihre Erinnerungen, die mit dem Haus am See verknüpft sind. Dabei gibt es zeitliche Sprünge und teils abrupte Themenwechsel. Der Ton ist mal humorvoll, mal selbstironisch, mal ernster.
Auf der inhaltlichen Ebene geht es darum, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Zum Konzept des Romans gehört es, dass die Geschichte sich auf die Szenen aus 21 Jahren konzentriert, die die Erzählerin am und im Haus erlebt hat. Allerdings tauchen auch Episoden aus deren Kindheit und Jugend auf. Dennoch verhindern leider einige Leerstellen, dass sich das komplexe Beziehungsgeflecht vollständig verstehen lässt. Durch manche vagen Andeutungen werden gar mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.
Beim Lesen wird schnell klar, dass das Wochenendhaus nicht nur im wörtlichen Sinn verstanden werden muss, sondern auch als Metapher für einen langen Lebensabschnitt mit seinen Veränderungen, Enttäuschungen und sonstigen Entwicklungen zu betrachten ist. Fast wie ein eigener Charakter mag es erscheinen.
Die Protagonistin, die einige Parallelen zur Schriftstellerin Eva Menasse aufweist, zum Beispiel Beruf und Nationalität, wirkt authentisch und wird mit psychologischer Tiefe dargestellt. Obgleich der Roman erkennbar autofiktionale Elemente enthält, sollte er nicht darauf reduziert werden.
Auf elegante Weise sind in den Text politische, gesellschaftliche und sonstige Themen, die historische oder aktuelle Bezüge aufweisen, eingewebt. Das macht die nur wenig mehr als 200 Seiten gehaltvoller und informativer als vermutet.
Vor allem in sprachlicher Hinsicht hat mich der Roman begeistert. Starke Bilder und Vergleiche, beeindruckende Sprachspielereien und ungewöhnliche, eindrückliche Beschreibungen beweisen die Versiertheit und das schriftstellerische Können von Eva Menasse. Die dialektalen Einschübe, auch aus dem Österreichischen, fügen sich gut ein.
Das hübsche, stimmungsvolle Covermotiv zeigt ein um 1900 entstandenes Ölgemälde von Walter Leistikow. Es passt nicht nur prima zum prägnanten Titel, sondern auch zum Inhalt.
Mein Fazit:
Auch mit Alleinruhelage hat mich Eva Menasse nicht enttäuscht. Zwar kommt der neue Roman nicht ganz an das literarische Niveau ihres früheren Werkes Dunkelblum heran. Dennoch besitzt auch dieses Buch eine Qualität, die über den reinen Unterhaltungswert hinausgeht. Empfehlenswert!