Man muss sich erlauben, der Mensch zu sein, der man sein will. (S. 119)
Mit diesen Worten fordert eine junge Frau das starre Gefüge eines Mannes heraus, der das Reden nie gelernt hat. Wirf einen Schatten von Elena Fischer erscheint am 22.07.2026 im Diogenes Verlag und führt uns mitten hinein in die erdrückende, von Traditionen geprägte Atmosphäre der Sechzigerjahre auf dem Land. Es ist die Geschichte von Joseph, einem wortkargen Bauern, der nach dem Weggang seiner Frau Lis und des gemeinsamen Sohnes Samuel mit der Einsamkeit und den Traumata der Vergangenheit ringt. Als die junge, schwangere Birdie auf der Flucht vor ihrer Familie bei ihm strandet, gerät sein fragiles, verschlossenes System ins Wanken und zwingt ihn, sich den ungesagten Wahrheiten seines Lebens zu stellen.
Nachdem mich Elena Fischers Debüt Paradise Garden absolut umgehauen und damals (2023) sogar meine Liebe zu Romanen abseits von Fantasy und Thrillern geweckt hat, war die Vorfreude auf ihr neues Werk riesig. Die Autorin besitzt unbestreitbar wieder dieses unglaubliche Talent, vielschichtige, tiefgründige Figuren zu zeichnen. Besonders die Zerrissenheit von Joseph hat mich berührt und mitgenommen. Seine Unbeholfenheit als Vater, die er aus der eigenen Angst speist, so grausam wie der eigene Vater zu werden, betrifft eine Kernessenz des Buchs: Ich wollte kein schlechter Vater sein []. Aber ich wusste auch nicht, wie das geht, ein guter Vater sein. Und dann habe ich es einfach ganz gelassen. (S. 162). Diese ehrliche, schmerzhafte Reflexion über die generationenübergreifende Sprachlosigkeit der Nachkriegszeit ist für mich eine der größten Stärken des Romans.
Elena Fischer arbeitet mit zwei Zeitebenen, wobei die Vergangenheit rückwärts erzählt wird; ein struktureller Kniff, der die Entfremdung zwischen Joseph und Lis auf eine frische und wohl überlegte Art seziert. Beeindruckend fand ich auch, wie geschickt gesellschaftliche Debatten der Sechziger scheinbar mühelos miteinander und in die Geschichte verwoben werden. Durch Birdie bricht das Thema der weiblichen Emanzipation, der lesbischen Liebe und der Tabubruch der Abtreibung in Josephs konservative Welt. Wenn Birdie bitter anmerkt, dass Frauen, die mehr vom Leben wollen als Aufopferung, als Neurotikerinnen (S. 89) abgestempelt werden, zeigt das die scharfe analytische Beobachtungsgabe der Autorin.
Und doch muss ich ehrlich sagen: Der große Funke bzw. dieses magische Highlight-Gefühl wie beim Debüt, ist bei mir diesmal leider nicht übergesprungen. Ob es am rauen, isolierten Hof-Setting lag, der Figurenzeichnung (teilweise hätte ich mir noch mehr Insights gewünscht) oder der Geschichte selbst; streckenweise zog es sich für mich ein wenig. Josephs Passivität und sein langes Zögern forderten meine Geduld beim Lesen durchaus heraus, auch wenn es psychologisch absolut stimmig zu seiner Figur passt.
Am Ende kann ich nur sagen: Was bleibt ist ein sprachlich wunderschöner, feinsinniger Roman über das Sichtbarwerden. Wirf einen Schatten ist ein Buch, das sich Zeit nimmt und vor allem denjenigen Menschen bestimmt sehr ans Herz wachsen wird, die ruhige, charaktergetriebene Familiengeschichten und historische Emanzipationserzählungen lieben. Von mir gibt es jedenfalls eine Leseempfehlung.
Ein herzliches Dankeschön an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar!