Ok
Bevor ich meine Rezension über die Odyssee abgebe, muss ich sagen, dass ich wohl den richtigen Riecher gehabt habe. Ich hatte mir das Buch tatsächlich ein paar Tage zuvor geholt, bevor ich mitbekommen habe, dass der Film in die Kinos kommt. Da man anschließend so viel mit dem Film konfrontiert wurde und er von allen Seiten gelobt wird, habe ich mich auch schnell daran gemacht, das Buch zu lesen, um beim Film nicht gespoilert zu werden.Beim Lesen des Buches habe ich auch verstanden, warum der Film so großen Anklang gefunden hat, auch wenn ich ihn selbst noch nicht gesehen habe. Wenn die Szenerie, wie sie im Buch dargestellt wird, im Film genauso wiedergegeben wird, dann glaube ich gerne, dass er großartig geworden ist.Wir erleben eine fabelhafte, märchenhafte Welt der griechischen Mythologie - entsprechend den Menschen, ihre selbst erschaffenen Götter und die daraus resultierenden Abenteuer. Das Buch selbst ist ein episches Gedicht und natürlich nicht in der Sprache geschrieben, die wir aus dem allgemeinen Sprachgebrauch unserer heutigen Zeit kennen. Die Dialoge wirken sehr altertümlich. Wenn man sich jedoch erst einmal daran gewöhnt hat, kann man der Geschichte sehr gut folgen.Für sich genommen ist die Odyssee ein riesengroßer Abenteuerroman. Was ich so fabelhaft an der Geschichte finde, ist vor allem ihr unglaubliches Alter. Genau aus diesem Grund interessieren mich Klassiker überhaupt: Sie fangen Gedanken, Ideen und die Kreativität von Menschen ein und geben sie wieder, die schon lange nicht mehr unter uns weilen.Odysseus durchlebt allerhand Abenteuer. Er trifft auf Götter, Riesen und allerlei Schwierigkeiten, die seinen Weg erschweren. Und ich denke, dass genau darin auch eine der zentralsten Botschaften des Buches liegt: Odysseus' ungebrochener Wille, sich trotz aller Widrigkeiten nicht unterkriegen zu lassen und seinen Weg weiterzugehen. Immer wieder wird er mit neuen Hindernissen, Verlusten und scheinbar ausweglosen Situationen konfrontiert. Trotzdem gibt er nicht auf. Natürlich steht dabei seine Sehnsucht nach der Heimkehr im Mittelpunkt - nach seinem Zuhause, seiner Familie, seinen Freunden und all den Menschen, die auf ihn warten und ihm Geborgenheit und Schutz geben. Aber sein ungebrochener Wille geht weit darüber hinaus. Es ist der Wille eines Menschen, der selbst nach den schwersten Rückschlägen immer wieder aufsteht und versucht, seinen Weg fortzusetzen.Odysseus ist nicht der typische griechische Held wie Herkules, der seine Widersacher durch pure Muskelkraft besiegt. Er benutzt seinen Kopf. Er nutzt die Möglichkeiten, die ihm gegeben werden, und nimmt auch die Hilfe der Götter an. Das finde ich auch für gläubige Menschen sehr schön, die eventuell zunächst Anstoß an einer Geschichte nehmen könnten, in der so viele Götter vorkommen. Denn trotz allem wird hier der Werdegang eines Menschen geschildert, der an höhere Mächte glaubt und dessen Weg von den Göttern immer wieder beeinflusst und geebnet wird.Auch wenn Odysseus oft einem Sturm ausgesetzt ist, wird ihm immer wieder geholfen - nicht nur von anderen Menschen, sondern auch von höherer Ebene. Dadurch wird deutlich, dass er seinen Weg nicht völlig allein gehen muss. Er bekommt Hilfe, muss aber trotzdem selbst den Willen aufbringen, weiterzumachen und sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Das fand ich sehr schön.Ebenso gefällt mir, dass Odysseus, obwohl er der Held der Geschichte ist, äußerst menschlich dargestellt wird. Er ist nicht immer perfekt. Er hat Ecken und Kanten. Und auch wenn er ein brillanter Schachspieler ist, verliert er doch zwischendurch ein paar Bauern und wird durchaus einmal Schach gesetzt - wenn auch niemals schachmatt.Odysseus ist ein Mensch, und seine Methoden sind nicht immer einwandfrei. Aber man muss bedenken, dass er weit entfernt von seiner Heimat auf sich allein gestellt ist und sich zu helfen wissen muss - und genau das hat er in seinem bisherigen Leben gelernt. Er verfügt über eine unglaubliche Lebenserfahrung, denn er ist kein junger Spund mehr, sondern ein gereifter Mann, der sich bereits hunderte Male bewiesen hat.Odysseus weiß, dass ein großer Teil seines Leidens nicht von ihm selbst verursacht wurde. Der Zorn eines anderen Gottes ist es, der von Anfang an zu seinem größten Problem wird. Er handelt nach der Weisheit der Götter und weiß deren Hilfe zu nutzen, wenn sie ihm angeboten wird. Doch am Ende kann selbst der Zorn eines Gottes ihn nicht daran hindern, sein Ziel zu erreichen und erhobenen Hauptes zurückzukehren, egal wie sehr dieser auch die Umwelt und die Menschen manipuliert, um Odysseus zu Fall zu bringen. Odysseus hat mächtige Götter auf seiner Seite, allen voran Athene, die ihn immer wieder unterstützt. Ebenso hat er die Kraft seiner Familie, seiner Freunde und treuer Menschen, die ihm auf seinem Weg begegnen. Ja, sogar ganze Ortschaften scheinen hinter ihm zu stehen, denn viele Menschen begegnen Odysseus mit Respekt und Freundschaft. Er ist ein Bürger, der trotz seiner Fehler für viele Menschen ein Segen ist.Das Buch zeugt von Durchhaltevermögen, von Willenskraft und von der Vorstellung von Gerechtigkeit. Gleichzeitig schildert es aber auch sehr gut eine intrigante und teilweise lustvolle Welt, der Odysseus zu entrinnen versucht, um seinen Frieden in seinem eigenen Haus zu finden.Von mir bekommt das Buch allerdings nur drei Sterne, und zwar aus dem einfachen Grund, dass es nicht ganz meinen Geschmack trifft. Ich bin kein großer Fan der griechischen Mythologie, und die Vielzahl an Göttern, die in dieses Abenteuer eingebunden sind, hat mich persönlich nicht vollständig angesprochen. Auch die Sprachkultur war nicht unbedingt meine.Dennoch würde ich jedem, der den Film gesehen hat oder generell an Klassikern interessiert ist, eine Empfehlung für dieses Buch aussprechen. Einfach aus dem Grund, dass es sich um ein Stück Weltliteratur handelt, das man meiner Meinung nach einmal gelesen haben darf - auch wenn es für mich persönlich kein Muss ist. Gerade die Tatsache, dass diese Geschichte seit Jahrtausenden überliefert wird und uns noch heute von den Gedanken, Vorstellungen und der Kreativität längst vergangener Menschen erzählt, macht die Odyssee für mich zu einem besonderen Werk.