Die Schriftstellerin Elli Hajek, Hauptfigur dieses Romans, ist - interessanterweise ähnlich wie die Autorin des Buches - 1987, wenige Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, als Kind mit ihren Eltern aus der ehemaligen Tschechoslowakei in den Westen geflüchtet. Damals war sie noch Eliška Hájková, doch der Familie war es äußerst wichtig, sich in Deutschland bis zur totalen Assimilation und Aufgabe der eigenen kulturellen Identität anzupassen:
Irgendwann begriff ich es. Ich begriff, dass manchmal ein paar Worte reichten, um uns zu anderen zu machen, zu Ausländern. Meine Eltern achteten darauf, wie sie sich kleideten, sie übernahmen deutsche Gepflogenheiten, äußerlich waren sie bald unverdächtig, aber sobald sie den Mund aufmachten, waren sie enttarnt. (S. 54)
So war es eine logische Konsequenz daraus, dass bei der Einbürgerung aus Eliška Elli wurde und kaum mehr jemand weiß, dass die junge Frau nicht in Deutschland geboren wurde. In einer vergangenen Beziehung hat Elli auch nicht die besten Erfahrungen mit dem Versuch gemacht, ihre Migrationsgeschichte und die damit verbundenen Erlebnisse mit ihrem damaligen Partner zu teilen, dieser wirkte überfordert davon und die Beziehung endete kurz darauf. Seitdem lebt Elli also ihr Leben als angepasste Deutsche, doch in der Lebensmitte kommt sie in eine Krise, die Tochter ist erwachsen und braucht sie nicht mehr wirklich, und auch beruflich funktioniert es nicht mehr wie gewohnt, ihr Verlag hat ihren letzten Romanvorschlag abgelehnt.
Da macht sie sich auf nach Tschechien, in die alte Heimat, die sie seit der Flucht in der Kindheit nur wenige Male kurz besucht hatte. Denn sie fühlt sich angezogen von einem alten Volksmärchen, das die tschechische Geschichtensammlerin Božena Nmcová erzählt hat. Darin geht es um eine Frau, der nachgesagt wurde, ihr Kind getötet zu haben, und die viele Jahrzehnte abgeschieden von den Menschen alleine im Wald gelebt haben soll, die wilde Viktorka. Bis heute pilgern Menschen in die Gegend, in der sie angeblich gelebt haben soll:
Die wahnsinnige Viktorka. Diese Zuschreibung hatten sie aus der Babika ; sie war so sehr in den tschechischen Sprachgebrauch übergegangen, dass Viktorka vom Wehr ein Synonym für Wahrheit und Verrücktheit war und gleichzeitig für eine spezielle Art von Wildheit. (S. 67)
Fasziniert von dieser Geschichte macht Elli sich auf, vor Ort zu recherchieren, um herauszufinden, ob Viktorka tatsächlich gelebt haben könnte und was an der Geschichte dran ist. Dabei ahnt sie noch nicht, in was für eine mystische Beziehung sie mit der Gegend und dem Wald eintreten wird und wie sie am Ende transformiert daraus hervorgehen wird.
Besonders gut hat mir an dem Buch die Verflechtung der drei Frauengeschichten, Elli, Viktorka, und auch über die Geschichtensammlerin Božena erfährt man so manches, gefallen. Die Erzählweise ist episodenhaft, und auch die Erzählperspektiven wechseln, doch gut ausgekannt habe ich mich immer.
Ich mag Geschichten, die nicht nur rein faktenorientiert sind, sondern auch eine mystische und symbolische Komponente haben. So hat auch Elli selbst eine transformative Erfahrung alleine im Wald und nähert sich damit nicht nur über den Intellekt, sondern auch über das Spüren der Verbundenheit mit der Natur der Figur der Viktorka tiefer gehend an:
Ich musste an Viktorka denken, ich musste an all die anderen denken, über die ich erst kürzlich so viel gelernt hatte. An die Waldmenschen, an die Holzmänner und Moosweiblein. Ich wünschte mir Haut aus Flechten und Rinde gegen die Kälte. Ich wollte aus Nebel sein und davonschweben. Ich wünschte mir Viktorkas Willen, den Mut einer Wilden Frau. Ich wünschte mir das Durchhaltevermögen eines Baums, die Widerstandskraft eines Farns. Ich wünschte mir die hellsichtigen Augen eines Kauzes und die fein justierten Ohren eines Luchses. Ich wollte das alles, damit ich die Nacht überstand, denn ich verstand jetzt: Wer im Wald überleben wollte, der musste Wald werden. (S. 157/158)
Insgesamt behandelt das Buch viele wichtige und ganz unterschiedliche Themen: von der Flucht aus einem kommunistischen Land in den Westen und dem, was das mit Familienbeziehungen, Identität und Entfremdung macht, über die Bewahrung, Weitergabe und Erforschung alten Kulturguts in Märchen und Geschichten bis zur Frage, was für Geschichten wir über andere, aber auch über uns selbst erzählen, und was das mit unserer Weltsicht und Identität macht, steckt ein breiter Bogen darin.
Dabei gelingt es der Autorin, diese Themen auf unterhaltsame und interessante Weise miteinander zu verweben, sodass ein Buch entstanden ist, das sich einerseits angenehm und schnell liest, bei dem sich aber durchaus auch eine sorgfältige Lektüre lohnt, um die verschiedenen Bedeutungsebenen zu entdecken und zu entschlüsseln. Ich habe es sehr gerne gelesen und es wird sicher nicht das letzte Buch dieser Autorin für mich bleiben.