Alexandra-Maria Pipos, Jahrgang 1989, hat mit Gib mir alles ein beeindruckendes Debut vorgelegt.
Wie ihre Protagonistin Iona ist auch sie in Rumänien geboren und in Deutschland aufgewachsen, sie weiß also, was es heißt, zwischen zwei Welten zu leben.
Iona hat es beinahe geschafft. Sie, die Tochter rumänischer Migranten, hat einen lukrativen Job als Unternehmensberaterin bei Cadris Consulting, einer expandierenden Beraterfirma. Und der bevorstehende Pitch soll ihr endlich die langersehnte Projektleitungsposition bringen. Dafür gibt sie alles, arbeitet Tag und Nacht. Doch dann stirbt ihr Großvater in Rumänien und ihre Eltern erwarten, dass Iona zur Beerdigung anreist.
Mit Iona hat die Autorin eine Figur geschaffen, die im Hamsterrad steckt und allen Anforderungen von außen gerecht werden will.
Schon früh wurde ihr beigebracht, dass man nur mit Leistung etwas erreichen kann. Wir haben hier nichts, Iona. Nichts. Nur unseren Kopf und unsere Hände. Wir können es uns nicht leisten, nichts zu tun. Wer vor der Arbeit flieht, flieht vor dem Glück. Seit ihrer Kindheit begleiten sie die Ermahnungen ihrer Eltern. Die sind vor Jahren aus Rumänien geflüchtet für ein besseres Leben, für sich, aber vor allem für ihre Tochter. Und die erfüllt brav die Erwartungen ihrer Eltern. Gerade jetzt, als der Vater krank ist und die Mutter ihre Arbeitsstunden reduzieren muss, sind sie auf finanzielle Hilfe von Iona angewiesen.
Der Job aber fordert alles von ihr. Ionas Leben ist durchgetaktet von früh bis spät. Sie muss permanent erreichbar sein, ständig neue Ideen liefern und ja keine Schwäche zeigen. Ein Versagen ihrerseits würde bedeuten, dass der Kollege die Beförderung und den Bonus erhält. Der Preis ist hoch, den Iona für ihren Ehrgeiz bezahlt. Ein Privatleben gibt es kaum. Man fragt sich, wie lange sie das durchhalten kann.
Auch in Rumänien telefoniert sie ständig mit ihrem Chef, entwickelt nachts neue Vorschläge für die Kunden.
Dabei ist die Situation vor Ort schon schwierig genug. Die Verwandtschaft vereinnahmt sie völlig, auch hier gilt es Erwartungen zu entsprechen. Iona fühlt sich mittlerweile fremd zwischen ihnen.
Es liegen Welten zwischen ihrem Leben in Deutschland und der Heimat der Eltern. Es ist eine beinahe archaische Kultur mit alten Traditionen und Ritualen. So wird z.B. der verstorbene Großvater drei Tage lang zuhause aufgebahrt und Verwandte, Freunde und Nachbarn kommen vorbei, um Abschied zu nehmen.
Die Autorin verfällt nun aber nicht in das Klischee, das Leben in Rumänien als idyllischen Kontrast zur leistungsorientierten Business-Welt in Deutschland zu zeichnen. Im Gegenteil! Die Zustände sind alles andere als rosig, die Familie zerrüttet.
Wir sind nah an der Protagonistin, denn das meiste wird aus ihrer Perspektive geschildert. Um mehr über die Hintergründe und die Vergangenheit der Figuren zu erfahren, greift die Autorin zu einem originellen Kunstgriff. In Zwischenkapiteln, abgesetzt durch eine andere Schrift und mit einer Randbordüre versehen, lässt sie Ikonen als allwissende Erzählinstanz sprechen. So z.B. die Heilige Johanna, Namenspatronin der Hauptfigur, die gleich zweimal zu Wort kommen darf, zu Beginn und am Ende. Diese Heiligen verweisen nicht nur auf den religiösen und kulturellen Hintergrund der rumänischen Herkunft, sondern ermöglichen der Autorin zusätzliche Sichtweisen. Wir erfahren dabei von Ionas Aufwachsen als einsames Migrantenkind und verstehen danach besser, warum ihr Erfolg und Karriere so wichtig sind. Wir lesen vom einsamen Sterben des Großvaters, aber auch was damals geschehen ist, als Onkel Radu ein Auge verlor. Diese Geschichte reicht weit hinein in die rumänische Vergangenheit, in eine Zeit voller Verrat und Bespitzelung unter dem Regime Ceauescus, eine Zeit, deren Traumata noch immer nachwirken.
Der Roman liest sich leicht, trotz des ernsten Themas. Alexandra-Maria Pipos geht souverän mit Sprache um, findet anschauliche Bilder und fängt den Jargon der jeweiligen Lebenswelt gekonnt ein, so z.B. die vielen Anglizismen in der deutschen Unternehmenswelt, rumänische Zwischenbemerkungen, die für zusätzliche Atmosphäre sorgen und den ganz eigenen Sprachstil der Ikonen.
Am Ende zeichnet sich eine leise Entwicklung der Hauptfigur ab. Auch wenn es nur kleine Veränderungen sind, so darf man doch hoffen, dass Iona einen Weg zu mehr Selbstbestimmung und Freiheit findet.