Nach Veröffentlichung der Longlist des Deutschen Buchpreis 2026 bin ich auf diesen Roman von Alisha Gamisch aufmerksam geworden. Die Autorin war mir völlig unbekannt, aber der Klappentext hörte sich sehr gut an. Die Geschichte einer Russlanddeutschen Familie, erzählt an Hand der Leben von drei Frauen aus drei Generationen.Da ist zunächst Rena. Sie studiert, lebt bei den Eltern im Reihenhaus und ist neugierig auf die Lebensgeschichten ihrer Familienmitglieder. Villa, ihre Tante, lebt im Haus nebenan mit Renas Großmutter Lydia. Villa nennt es WG und fühlt sich in dieser Lebensform, jetzt im Alter, sehr wohl. Die Geschichte der Großmutter beginnt in den 1960ger Jahren in Novosibirsk und hat sie über verschiedene Stationen nach Deutschland gebracht. In Rückblicken erfahren wir vieles aus Lydias Kindheit. Als eines Tages die Großmutter erstarrt, will Renas unbedingt wissen, warum und ob dies im Zusammenhang mit einem Brief steht.Der Start in diese Geschichte fiel mir sehr leicht da der Schreibstil es ermöglicht, sich alles bildhaft vorzustellen. Leichte Probleme bereiteten mir anfangs die Namen der Protagonisten, da ua auch die russischen Kosenamen verwendet wurden und ich mir zunächst auch den Überblick über die Zusammengehörigkeit der Familie erlesen musste. In abwechselnden Kapiteln wird immer aus der Sicht einer der drei Frauen erzählt und zwischen Vergangenheit und Gegenwart gewechselt. Das liest sich angenehm und zeichnet ein gutes Bild der Geschichte, das allmählich vervollständigt wird.Die Charaktere sind ausdrucksstark, tiefgründig und so unterschiedlich wie die Erlebnisse, die sie geprägt haben. Dies ist der Autorin ausgezeichnet gelungen. Die Gleichgültigkeit, Obrigkeitshörigkeit, Angst, Melancholie werden sehr gut deutlich. Interessant war die Distanz, mit der Lydia auf ihr Leben schaut. Als ob sie sich beobachtet. Damit wird gut geschildert, wie schwer es für Lydia war, mit erlebten Traumata klar zu kommen. Aber auch die Tatkraft und Stärke, der Wille im Rahmen der Möglichkeiten das Beste zu bewirken, kommen gut zum Ausdruck. Starke Charaktere, die beeindrucken in ihrem Zusammenhalt, ihrem Mut zu leben, füreinander da zu sein. Sehr interessant fand ich die geschilderten politischen Hintergründe, kurz und aussagestark. Nichts wird unnötig in die Länge gezogen und trotzdem ist alles verständlich. Eine Familiengeschichte, die an das Schicksal der "Russland-Deutschen" erinnert, an schwere Schicksale, die sie durchleben mussten und ihr Ankommen in Deutschland. Sehr nahegehend geschildert, realistisch erzählt, ungeschönt.Trotz der schmerzhaften, schweren, ungerechten, teils grausamen Geschichte von Großmutter und Valli, gelingt der Autorin ein feiner, zarter, liebevoller Erzählton, der mich sehr beeindruckt hat. Es liest sich leicht, ist modern erzählt, ohne die Sprache der Vergangenheit zu vergessen, mit eingestreuten russischen Begriffen. Wunderbar passend zur Story und den Charakteren. Am Ende des Buches erklärt ein Glossar die benutzen russischen oder litauischen Begriffe. Das ist angenehm, allerdings brauchte ich sie selten, da vieles selbsterklärend war. Diese eingestreuten Redewendungen machen den Text lebendig und authentisch. Mir gefiel dies sehr.Was mir auch sehr gefiel, war das Symbol der Seile, mit dem Rena sich mit den Frauen ihrer Familie verbunden fühlt. "Sie will an den Seilen ziehen, um zu sehen, wie weit sie nachgeben." Und damit gefällt mir das Ende dieser Familiengeschichte, das keines ist, hervorragend.