REZENSION Mit seinem Buch Elsas Welt hat der bereits mehrfach ausgezeichnete Historiker Andreas Kossert (56) ein wissenschaftlich fundiertes, vor allem aber sehr persönliches Werk veröffentlicht. Denn im Kern geht es auf den Spuren meiner Großmutter um die Erforschung seiner eigenen Familie und deren Vorfahren. Trotz allem oder gerade deshalb ist seine im September beim Siedler Verlag erschienene Familiengeschichte aus Lodz unbedingt empfehlenswert, da es sich keinesfalls um ein nüchternes und Hintergrundwissen voraussetzendes Sachbuch handelt, sondern der Autor mittels Berichten von Augenzeugen also nicht nur seiner Großmutter Else die Geschichte der polnischen Stadt Lodz und ihrer Einwohner im Wechsel der Zeiten lebendig werden lässt. Nicht zuletzt waren es deutsche Kolonisten wie Elses Vorfahren, die zur einstigen Entwicklung der Stadt maßgeblich beitrugen.
Else hat als Deutsche in Polen gelebt. Vielleicht war sie auch eine polnische Deutsche oder eine deutsche Polin. Allein schon dieser Satz lässt die ethnische Vielfalt der in Lodz beheimateten Menschen und das zunächst friedliche und vorurteilslose Zusammenleben von Polen, Deutschen und Juden erahnen. Ohne jeden Zweifel war meine Großmutter ein Lodzermensch in diesem ebenso lokalpatriotischen wie weltoffenen Sinne. Sie war ein Kind des Zarenreichs, als Lodz am westlichen Ende des Russischen Imperiums lag, wuchs hinein in das wiedererstandene Polen und erlebte die deutsche Besatzung. Als Zwangsarbeiterin in den Lagern ihrer Heimatstadt konnte sie nichts retten, kein Foto, keine Dokumente. Nur ihre Erinnerungen.
So blieb Andreas Kossert als 15-Jährigem, als sein Interesse an Familienforschung und Geschichte erwachte, nichts anderes übrig, als seine seit Kriegsende in der Bundesrepublik lebende Großmutter aus ihrem eigenen Leben und dem ihrer Eltern und Großeltern erzählen zu lassen und sich Notizen zu machen. Else saß in ihrem Sessel am Fenster und hatte wie immer die Hände im Schoß gefaltet. Anders als viele in ihrer Generation jedoch hat sie von dem berichtet, was sie damals empfunden, gehört und erlebt hatte. Von ihr habe ich bereits frühzeitig von Ereignissen erfahren, die ich erst später richtig einzuordnen wusste. Else war meine erste Geschichtslehrerin. Erst als promovierter Historiker nahm er Jahrzehnte später anhand dieser Notizen aus seiner Jugendzeit Kontakt zu den seit der Flucht verstreut lebenden Verwandten auf sowie bei Besuchen in Lodz zu ehemaligen Nachbarfamilien Elses und ließ auch sie erzählen.
Die rasante Entwicklung des einst kleinen Städtchens zu einer modernen Textilmetropole begann im 18. Jahrhundert mit der Anwerbung deutscher Siedler, zu denen auch Else Vorfahren gehörten. Für sie war diese Region einst das Gelobte Land, da man ihnen nach Parzellierung großer Güter eigenen Grundbesitz zugesichert hatte, die jene Siedler meistens erst urbar machen mussten. Fortan lebte man einträchtig mit polnischen und jüdischen Bewohnern zusammen, half sich gegenseitig und heiratete nicht selten untereinander. Die Deutschen pflegten in gewissem Maß ihre deutsche Kultur, doch Nationalismen waren ihnen unbekannt: Man sang deutsche Weihnachtslieder und die polnische Nationalhymne. Dies änderte sich erst in der Zeit der deutschen Besatzung zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, als das Nazi-Regime die Stadt Lodz im April 1940 kurzerhand in Litzmannstadt umbenannte und die deutschstämmigen Lodzermenschen in Deutsche erster bis vierter Klasse einteilte. Diese Auszeichnung wurde den Deutschstämmigen nach Kriegsende zum Verhängnis, als die Polen nicht mehr zwischen Reichsdeutschen und Lodzer Deutschen unterscheiden wollten.
Am Beispiel seiner Großmutter sowie ihrer Angehörigen und Freunde ruft Kossert die Geschichte jener Region und ihrer Deutschen, deren einst friedliches, dann leidvolles Schicksal im Gegensatz zu den ehemaligen deutschen Ostgebieten in späterer Geschichtsschreibung nur wenig Beachtung fand, wieder in Erinnerung. Dabei steht Else nur stellvertretend für viele Menschen, deren Leben durch politische Umbrüche, Krieg. Gewalt, Flucht und Vertreibung aus der gewohnten Bahn geworfen wurde.
Mit seiner eigenen Familiengeschichte und dem Schicksal seiner Großmutter, die am Ende ihres Lebens im Zustand der Demenz wiederholt aus dem Pflegeheim entlief, nur noch Polnisch sprach und immer nach Osten zurück nach Hause zu Mama wollte in ihre frühere, in Elsas Welt , macht der Historiker deutlich, dass Heimat mehr als ein Ort ist. Heimat ist Sprache, Familie, Kindheit, Vertrautheit und Geborgenheit. Der Verlust dieser Heimat hinterlässt nicht nur beim Betroffenen deutliche Spuren, sondern wirkt oft in nächsten Generationen nach.
Mit einzelnen Biografien und Erlebnisberichten erinnert uns der Historiker daran, dass hinter den in Geschichtsbücher eingehenden Ereignissen immer einzelne Menschen mit Hoffnungen und Ängsten stehen. Gerade diese menschlich-emotionale Schilderung, die über die abstrakt-wissenschaftliche Geschichtsbeschreibung hinausgeht, macht Kosserts Buch Elsas Welt so interessant und lesenswert und regt vielleicht manchen Leser sogar zur eigenen Familienforschung an.