
Die literarische Sensation: die Liebesbriefe der jungen Anna Seghers - nach 100 Jahren erstmals veröffentlicht
»Ich will Wirklichkeit . . . und ich weiß außer uns nichts Wirkliches. «
Als Anna Seghers' Enkel, Jean Radvanyi, Familienunterlagen sortierte, stieß er auf eine Schachtel - und darin auf etwas völlig Unerwartetes: über 400 Briefe, die seine Großmutter an ihren späteren Mann geschrieben hat. Dieser Schatz wird jetzt erstmals zugänglich gemacht. Wir erleben die Studentin, Suchende, Liebende in einer Zeit, über die bisher kaum etwas bekannt ist, und erhalten erschütternde Einblicke in eine Phase der Neuorientierung, der zunehmenden Bedrängung durch die äußeren Zustände - und lernen sie zugleich als eine junge Frau voller Aufbruchsstimmung, Leidenschaft und großer Hoffnungen kennen.
»Sei nicht ungehalten, dass ich Dich so mit der Post quäle, doch wenn ich ohne Nachricht bin, bin ich unfähig zu allem. « Netty Reiling, 1921
Besprechung vom 12.02.2026
Außer uns weiß ich nichts Wirkliches, Hammelskopf
Die Partei ist ein großes Tier mit bösen Augen: Anna Seghers' Liebesbriefe an László Radvanyi erscheinen aus dem Nachlass
Vielleicht war es keine Liebe auf den ersten Blick zwischen Netty Reiling, die am 19. November 1900 als einzige Tochter eines Kunsthändlers in eine wohlhabende, gläubige jüdische Familie in Mainz geboren wurde, und dem knapp einen Monat älteren László Radvanyi, Sohn einer jüdischen aufgeklärten Kaufmannsfamilie in Budapest. Jedenfalls antwortete sie, die sich erst 1928 Anna Seghers nennen wird, 1973 in "Anna Seghers. Eine Biographie in Bildern" (Aufbau Verlag, Berlin 1994) auf die Frage eines Interviewers, ob sie ihn am Beginn ihres Studiums kennengelernt habe: "Ungefähr zu dieser Zeit, aber ich wußte natürlich noch nicht, daß er mein Mann werden könnte. Wir hatten uns nur ab und zu mal gesehen, ohne sonderlich Notiz voneinander genommen zu haben."
Doch dass es eine große leidenschaftliche Liebe werden würde, belegt der jetzt erschienene Band "Anna Seghers. Ich will Wirklichkeit. Liebesbriefe an Rodi 1921-1925" auf gut 400 Seiten. Die Briefe sind eine bemerkenswerte Entdeckung; denn sie beleuchten die bislang unbekannte Jugend einer Schriftstellerin, die später zu einer der wichtigsten des 20. Jahrhunderts in deutscher Sprache werden wird. Gleich der erste Brief der Zwanzigjährigen vom 10. März 1921 setzt den Ton: "Halt nur meine Hand fest. Denn meine Hand, das ist keine gewöhnliche Hand. Du sollst nicht lächeln, sondern mir glauben; diese Hand steht irgendwie mit etwas Unverrückbarem in Verbindung, mit etwas ganz Unantastbarem u Du bist daran geknüpft so lange Du diese meine Hand hast." Zugleich: "Nun ist's mir aber, als ob etwas endlich in mir aufgesprungen, u ich im Stande sei, Dir doch einmal zu zeigen, was alles in mir ist."
Nach dem Tod von Pierre (Peter) Radvanyi, Anna Seghers' 1926 geborenem Sohn, fand ihr Enkel Jean Radvanyi 2021 im Haus seines Vaters einen "unscheinbaren Karton" mit 470 Briefen seiner Großmutter an László Radvanyi. Der hatte sie, nach der Lektüre, in ihren Umschlägen geordnet und in Zeitungsseiten verschnürt. Radvanyis postalische Reaktionen sind leider nicht erhalten, aber Netty Reilings Schreiben ist zu entnehmen, dass er ähnlich empathisch geantwortet haben wird. Sie studierte seinerzeit in Heidelberg an der Universität Kunstgeschichte, Geschichte, Sinologie und Philologie. Radvanyi hatte zuvor schon Volkswirtschaft und Philosophie in Budapest studiert und sich politisch links engagiert. Nach dem Sturz der ungarischen Räterepublik floh er 1919 zunächst nach Wien, von wo er eben 1920 nach Heidelberg, dann wieder nach Wien zur Fortsetzung seines Studiums und schließlich nach Berlin ging.
Zu lesen ist ein beinah tägliches briefliches Zwiegespräch voller Leidenschaft und Sorge um ihn, getragen von ihrem heißen Wunsch nach einem gemeinsamen Leben. Und von Anfang an ist sich Netty Reiling ihrer Bestimmung gewiss, Literatur schreiben zu wollen. Bereits 1924 erschien, nach ihrer Promotion mit dem Thema "Jude und Judentum im Werke Rembrandts", die Erzählung "Die Toten auf der Insel Djal" unter dem Pseudonym Antje Seghers in der Weihnachtsausgabe der "Frankfurter Zeitung". Schon am 17. März 1921 hatte sie an Radvanyi nach Wien geschrieben: "Ich denke manchmal, ich kann ganz wunderschöne Dinge aus meinem Blute machen. Und weil ich die Dinge mache, verblute ich ganz langsam. Die Frage ist nur, soll ich im Stillen verbluten oder vor der Welt."
Sie unterzeichnet als "Dein auf dich bauendes Seelchen". Radvanyi ist unabdingbarer Teil ihres Lebensentwurfs, ihrer "Wirklichkeit". "Denn", steht in ihrem Brief vom 6. November 1921, "mir fehlt alles Wirklichkeitsgefühl für alle Vorgänge außerhalb von uns. Ich bin auf Dich gegründet, Du bist mein Vater, u ich weiß daß dies recht ist." Gespickt sind ihre Briefe mit heute etwas seltsam anmutenden Kosenamen für den Geliebten. Am häufigsten ist das Tschibi (von Csibe, ungarisch "kleines Küken") in allen möglichen Abwandlungen. Radvanyi ist für sie zugleich "Kind", "Bruder", "Vater", "Sohn", "Freund". Aber auch "mein Herz Jesu Kirchlein", "Apfelknecht", "Hammelskopf", "Schläulehund", "Einhornapotheker", "gezipfeltes Gnu". Überdauern wird schließlich "Rodi". Oft bezeichnet sie sich als "Dein Kind" - was als Selbstbeschreibung die Verhältnisse doch auch umkehrt.
Netty Reilings konservativer Vater stellt sich gegen den ausländischen, wenig begüterten Intellektuellen, der zudem ein Bolschewik ist; ihre Mutter gerät in die Rolle der Mittlerin. Sie selbst muss den saumseligen Rodi immer wieder anspornen, vor allem zur, unter den Bedingungen der Weimarer Republik erschwerten, Suche nach einer Anstellung, als Voraussetzung für eine überhaupt mögliche Heirat. Sie tut das mit einer Mischung aus sanfter Bevormundung des meistens fernen Geliebten und der zugleich ständigen Beteuerung ihres unbedingten Angewiesenseins auf dessen Zuneigung.
So dienen die Briefe an Rodi nicht zuletzt der Selbstverortung der jungen Frau. Sie führt keine Selbstgespräche, weshalb ihr auch das Tagebuchschreiben ungeeignet erscheint. Aus einem Urlaub in Marienbad mit ihren Eltern im August 1921 schreibt sie an Rodi: "Das Wesentlichste ist, das in einem vorgeht, kann man vielleicht schließlich aussagen, aber aufschreiben, so hart u so unwiderruflich? Du siehst, ich bin in so großer Not, vielleicht ist es auch ein großer Fehler in mir selbst, antworte mir." Sie braucht, so lässt sich das deuten, die Idee eines Gegenübers, das sie anspricht. Knapp zwei Wochen danach steht das Zitat des Buchtitels in einem weiteren Brief: "Ich will Wirklichkeit, u ich weiß außer uns nichts Wirkliches (...). Du weißt ja, wie mich das Alleinsein quält, diese Einsamkeit in der Unwirklichkeit. Du kennst das ja auch." Und drei Monate später reflektiert sie darüber, wie ihre Grundverfasstheit für sie produktiv umsetzbar sein könnte: "Ich habe über diese Fragen nachgedacht, daß der Künstler auf die Forderung sich zu der ihn umgebenden sichtb. Wirklichk. zu bekennen, durch eine künstl. Tat antwortet, die sozusagen seine Gegenforderung ausdrückt, d. h. er stellt dem Sichtbaren ein zweites Sichtbare gegenüber."
Die Realität, die Netty Reiling unterdessen umgibt, nimmt wesentlichen Raum in ihren Botschaften an Rodi ein, je näher sie sich ihrem Ziel der Eheschließung mit ihm sieht. Mit Blick auf ihren Vater gibt sie ihm genaue Anweisungen, bis hin zur Kleidung, für die Begegnung mit ihm. Sie mahnt ihn zur Vorsicht angesichts der Anstellung bei der sowjetischen Handelsbotschaft in Berlin, die er schließlich gefunden hatte, und vor dem "Besuch von Versammlungen etc". Und sie warnt ihn nicht vor dem Kommunismus, aber vor der KPD: "In Deinem Kopf u Deinem Herzen ist ,Partei' ein großes Wort, aber ich verstehe nichts davon u es ist mir bloß ein großes großes Tier mit bösen Augen, wovor ich Furcht habe." Erst 1928 wird Anna Seghers Mitglied der KPD werden. Die Hochzeit findet endlich am 10. August 1925 statt, nach jüdischem Ritus in Mainz. Der letzte Brief vom 3. August 1925 endet: "Tschibi springt morgens nackt u waschnaß nach Post. Bitte hilf der armen Tschib durch kluge Gattenworte. Befolg alles. Hast Du noch eine Frage?" Dann folgt sie László Radvanyi nach Berlin.
Der Lebensweg der Anna Seghers ist bekannt: 1933 Flucht über die Schweiz nach Frankreich, 1941 weiter nach Mexiko, 1947 Rückkehr nach Berlin. Sie wird SED-Mitglied und hohe Parteifunktionärin als Vorsitzende des Schriftstellerverbands der DDR. Sie stirbt am 1. Juni 1983. Sucht man einen Nachhall der frühen Briefe, findet er sich gewiss in der Erzählung "Der Ausflug der toten Mädchen" von 1943/44, die 1946 zuerst in New York erschien. In einer nachgerade surrealen Vision kehrt die Ich-Erzählerin aus ihrer Gegenwart in Mexiko in ihre Kindheit und Jugend zurück, vor und in den Ersten Weltkrieg, dann in den Zweiten Weltkrieg. Kunstvoll verschränkt Seghers, auf ihrer eigenen Biographie beruhend, vier Zeitebenen: Es gibt nicht nur eine Wirklichkeit, es gibt ein zweites Sichtbares. ROSE-MARIA GROPP
Anna Seghers: "Ich will Wirklichkeit". Liebesbriefe an Rodi 1921-1925.
Hrsg. von Jean Radvanyi und Christiane Zehl Romero. Aufbau Verlag, Berlin 2025. 463 S., Abb., geb.
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