'Wenn sich ein Geheimnis löst, beginnt die Geschichte von Neuem. Als zweite Fassung. Jeden von uns gibt es ab dann in der einen und in der anderen Version.' Und diese beiden Versionen lässt Anousch Mueller langsam aufeinander zusteuern, bis sie sich am Ende zu einer, ja, dritten Version vereinen.
In der einen Version ist Leni älteste Tochter mit fünf jüngeren Geschwistern. Aufgewachsen auf einem verlassenen Bahnhof in Thüringen Mitte der 90er. In der anderen Version spürt sie seit frühester Kindheit, dass da etwas Unausgesprochenes über der Familie hängt: Lori. 'Denn eines wussten wir und eines nicht: Wir waren sechs, die lebten. Und Lori, die auf dem Grund der Ostsee ruht.' Mutter und Vater schweigen, und so versucht Leni allein, die Leerstellen zu füllen und lüftet dabei Stück für Stück den Schleier über der Familientragödie, der dicht mit den politischen Irrungen der Zeit verbunden ist.
Anousch Mueller gelingt es meisterhaft, auf gerade einmal 205 Seiten den ganzen Schmerz einer Familie einzufangen, die vor dem Hintergrund einer großen Tragödie mit den Geistern der Vergangenheit zu kämpfen hat. Einer Tragödie, die in den 70er und 80er Jahren in der DDR begann und die Lenis Eltern nie überwunden haben. Denn wie soll das gehen, wenn das Trauma so groß, der Verlust so immens ist, dass die Wunden bis heute nicht verheilt sind? Wenn die Wahrheit so tief verborgen ist, dass allein der Gedanke daran schmerzt und das Sprechen darüber unmöglich ist. All das Ungesagte, das sich in jede Faser, in jedes Tun eingenistet hat.
Sprachlich äußerst feinfühlig und subtil baut Anousch Mueller ihren Spannungsbogen. Fragmente sind es, kleine Puzzleteile, die wir als Lesende einordnen dürfen. Und die wir erst nach und nach begreifen, wie Leni, die sich behutsam und mit viel Geduld herantastet. Muellers Bilder erwecken gleichzeitig einen Zeitgeist, ein Lebensgefühl, das üppig und intensiv daherkommt. Sowohl in den zeitlichen Rückblenden als auch auf diesem warmen, in die Jahre gekommenen Bahnhofsgebäude. Und auch ihre Figuren, allen voran Leni, sind mit einer Dichte, Feinfühligkeit und Verletzlichkeit gezeichnet, die dich tief ins Herz trifft.
Ich könnte noch stundenlang schwärmen, über die authentischen politischen Rückblenden, über Lutz und seine emotionale Rolle in dieser Geschichte, über Traumata, die von einer Generation auf die nächste übertragen werden, über die Macht von Erinnerungen und die Kraft von Vergebung und Liebe.