Wahre Heldin des zweiten Weltkriegs allerdings etwas zu detailverliebt in der Handlung
Frauen in Weltkriegssituationen haben zugleich, was bewundernswertes wie auch verklärt anziehendes an sich. Marlene Dietrich und Lee Miller fallen mir da sofort ein. Von Nancy Wake hatte ich bis dato noch nichts gehört. Dabei war die Neuseeländerin eine der meist gesuchten Personen der Gestapo. Ein roter Lippenstift war ihr besonderes Markenzeichen. Doch ihre Waffen waren tödlicher. Sie führte Tausende von "Maquisards" (französische Widerstandskämpfer) an. Bevor es soweit kam, arbeitete sie als Journalistin, sollte Adolf Hitler interviewen und beobachtete die Gräueltaten der Nazis direkt vor Ort in Wien. Das hat Spuren bei ihr hinterlassen. Sie arbeitete sich militärisch durch mehrere Ebenen. Dabei wechselte sie ihren Namen, was mich ein manches Mal verwirrte. Sie schmuggelte als Lucienne, spionierte als Hélène, und führte die Résistance mit an, diesmal als Madame Andrée. Und dann war sie auch einfach nur geliebte Ehefrau von Henri Fiocca, einem französischen industriellen der seine "Noncee" über alles liebte. Fast 10 Jahre begleiten wir Nancy auf ihrer Laufbahn. Dabei wird deutlich, dass sie kämpfen will, dass sie einen inneren Motor hat, der für Gerechtigkeit und bessere Bedingungen für alle Menschen einsteht und der Hass auf die Nazis tut sein übriges. Ihr Mann lässt seine Frau mehrfach gehen. Ungewöhnlich, kennt man es doch eigentlich meist andersrum. Beide leiden, sie finden fast immer wieder zueinander. Im Roman stellt die Autorin Nancy einen Trupp Männern zur Seite, die es größtenteils wirklich gegeben hat. Ariel Lawhon erläutert dies ausgiebig in ihrem Nachwort. Die Widersachererin gab es nicht, übernimmt aber in diesem Buch einen nicht zu unterschätzenden Part. Wechselnde Schauplätze, unterschiedliche Zeitlinien und sich ständig ändernde Decknamen haben mir das Lesen nicht leicht gemacht. Nancy ist mir zwar immer mehr ans Herz gewachsen und auch ihr Mann Henri kam mir sehr nah, doch entglitt sie mir immer wieder, weil ich ständig damit beschäftigt war, zu überlegen, wer sie jetzt gerade wo ist. Hier hätte ich einen chronologischen Ablauf besser gefunden, gerade weil wir diese große Vielfalt an unterschiedlichen Orten, Strängen und Bezeichnungen haben. Am Anfang war das sehr verwirrend, als ich dann endlich heraus hatte, das Nancys Laufbahn von unterschiedlichen Funktionen begleitet wurde, ging es etwas besser. Die verschiedenen Zeiteben haben mich trotzdem gestört.Der Ton ist wie immer süffig, doch gab es mir die ein oder andere Wiederholung zu viel, z.B. das Betonen des roten Lippenstifts und der Wunsch nach luxuriösen Kosmetikartikeln und einem gepflegten Aussehen kam ein ums andere Mal zu oft vor. Die Protagonistin hat es ja wirklich gegeben, aber dass Äußerlichkeiten sehr oft in den Mittelpunkt gerückt wurden, machte sie dann etwas unglaubwürdiger. Noch schwieriger fand ich die Beschreibung der Person Marceline. Ich denke, dass die Autorin ihre Verletzlichkeit darstellen wollte, aber ich sah nur eine hysterische Person die das sehr plakativ äußerte.Lawhon war es sehr wichtig einzelne politische Aktionenen der Protagonistin detailgetreu wiederzugeben, das wirkte manchmal wie ein Geschichtsbuch. Auch weniger Liebe zum historischen Detail hätte uns die Aufträge von Nancy näher gebracht. Jeden Ortsnamen hätte es dafür nicht gebraucht. So aber zog sich das Buch manchmal in die Länge. Hinzukam, dass die spannenden Szenen schnell im Sande verliefen-das heldenhafte an Nancy Handeln hätte man noch viel besser hervorheben können. Nur das letzte Viertel war sehr kurzweilig zu lesen. Hier fühlte ich, dass es vorangeht. Bis dahin hing ich das ein oder andere Mal in einer Zeitschleife fest, die mir suggerierte, dass die einzelnen Zeitstränge nicht besonders trennscharf in der Handlung sind. Nur die Perspektiven von Henri waren immer leicht zu lesen. Nancy Wake war eine bewundernswerte Frau, die 2011 verstarb. Ariel Lawhon hat ihr mit diesem Buch ein Denkmal gesetzt und sich künstlerische Freiheiten heraus genommen, die man gut akzeptieren kann. Insgesamt war das Buch für mich mit viel zu viel Füllwatte versehen. Hätte die Autorin sich auf das Wesentliche konzentriert wäre sie mit 300 Seiten weniger klargekommen und wir hätten trotzdem eine interessante und mitreißende Geschichte über eine große Heldin gelesen.Wenn ihr ihr also dicke Schmöker mögt und bereit sein, die unterschiedlichen Identitäten zu sortieren, euch die Bedeutung Frankreichs und die der Resistance während des Zweiten Weltkriegs interessiert, dann empfehle ich euch dieses Buch sehr.