Nachrichten reichen nicht immer, um zu verstehen, was in einem Land passiert. Åsne Seierstad zeigt ein Russland, das weit mehr ist als Putin und Schlagzeilen.
Ausgangspunkt ist ein ehemaliger Wagner-Söldner, der nach Norwegen flieht. Von seiner Geschichte aus entsteht ein Panorama aus Angst, Mitläufertum, Verdrängung und Widerstand. Seierstad spricht mit Unterstützern, Oppositionellen und Menschen, die den Krieg aus ihrem Alltag fernhalten wollen. So werden aus politischen Begriffen echte Menschen mit Familien, Sorgen und widersprüchlichen Überzeugungen.
Stark ist, dass die Autorin nicht mit dem moralischen Zeigefinger durchs Land marschiert. Sie hört zu, fragt nach und lässt Widersprüche stehen. Das macht die Reportage unbequem, aber aufschlussreich. Beim Lesen fragt man sich, wie viel Angst und Wegsehen eine Gesellschaft aushalten kann.
Ein leichter Happen für zwischendurch ist dieses umfangreiche Buch nicht. Manche biografischen Details nehmen viel Raum ein, doch die Begegnungen bleiben im Kopf. Für mich ist das eine bewegende Reportage, die Russland jenseits einfacher Antworten zeigt und daran erinnert, wie wichtig es ist, Menschen zuzuhören.