Nightshade war für mich ein Buch, in das ich erst einmal reinkommen musste.
Am Anfang war es eher gemächlich. Nicht langweilig, aber ich dachte schon: Okay, ja, es ist ganz nett. Ich war noch nicht komplett drin, noch nicht völlig gefesselt. Aber je weiter ich gelesen habe, desto mehr hat mich die Geschichte bekommen. Es wurde immer spannender, immer dichter und vor allem emotionaler, als ich am Anfang erwartet hätte.
Im Mittelpunkt steht Ophelia, deren Eltern gestorben sind. Und seitdem kann sie eigentlich nicht richtig weiterleben. Sie weiß nicht genau, was damals passiert ist, findet kaum Informationen über ihre Eltern, als hätten sie fast nicht existiert, und genau dieses Loch in ihrer Vergangenheit lässt sie nicht los. Also geht sie an die Sorrowsong University, weil ihre Eltern dort gearbeitet haben und sie sich Antworten erhofft.
Und gerade Ophelia fand ich wirklich stark geschrieben.
Man spürt so sehr ihr Verlangen nach Nähe. Nach Hilfe. Nach Familie. Danach, endlich gesehen zu werden. Danach, das Gefühl zu haben, dass sie etwas wert ist. Dass sie nicht einfach nur jemand ist, der irgendwie übrig geblieben ist. Diese Sehnsucht war für mich total greifbar und hat der Geschichte sehr viel Tiefe gegeben.
Das Buch wird hauptsächlich aus Ophelias Perspektive erzählt, aber es gibt auch einzelne Kapitel aus Alex Sicht. Hier fand ich die POV Wechsel richtig gut eingesetzt. Die Kapitel aus Alex Sicht waren sehr akzentuiert und kamen genau an den Stellen, an denen sie der Geschichte etwas gegeben haben. Nicht zu viel, nicht ständig, sondern gerade genug, damit man versteht, was im Hintergrund passiert und auch seine Seite besser greifen kann.
Was Nightshade für mich besonders stark gemacht hat, war das Setting. Diese düstere Dark-Academia-Atmosphäre war einfach richtig, richtig cool umgesetzt. Die Sorrowsong University, das Geheimnisvolle, das Dunkle, diese schottische Weite, Regen, Moor, Kälte, alte Gebäude und dieses Gefühl, dass überall irgendetwas lauert. Es hatte für mich genau diesen Vibe, den ich bei Dark Academia liebe.
Wer Nocticadia von Keri Lake gelesen hat, könnte diesen Vergleich vielleicht fühlen. Nocticadia geht zwar mehr in Richtung Dark Romance, während Nightshade eher Dark Academia Romance ist, aber dieses düstere, geheimnisvolle, leicht bedrohliche Setting hat mich sehr daran erinnert. Und das meine ich absolut positiv. Also hier einmal eine Cross Empfehlung beider Bücher.
Was mich auch überrascht und gefreut hat: Nicht alle Menschen an dieser Universität sind Arschlöcher.
Ich hatte irgendwie erwartet, dass Ophelia dort nur auf kalte, gemeine oder arrogante Charaktere trifft. Aber es gibt tatsächlich Figuren, die nett sind. Die ihr guttun. Die ihr Halt geben. Und dass sie sich dort nach und nach so etwas wie eine kleine Found Family aufbaut, fand ich wirklich schön. Das hat dem Buch für mich etwas Warmes gegeben, ohne dass die düstere Atmosphäre verloren gegangen ist.
Auch Alex mochte ich sehr. Er war als männlicher Protagonist interessant, hatte genug Geheimnisse und Tiefe, ohne dass er nur diese typische düstere Projektionsfläche war. Besonders alles rund um seine Familie fand ich richtig gut umgesetzt. Da kam für mich nochmal eine eigene Dynamik rein, die die Geschichte stärker gemacht hat.
Die Romance mochte ich ebenfalls sehr. Es gibt Spice, aber eher wenig. Und ganz ehrlich: Für diese Geschichte fand ich das vollkommen passend. Mehr hätte wahrscheinlich gar nicht so gut funktioniert, weil der Fokus eben stärker auf Ophelias Suche, den Geheimnissen, der Universität und den emotionalen Entwicklungen liegt. Aber ich war trotzdem froh, dass wir wenigstens ein bisschen davon bekommen haben, weil ich es schon sehr herbeigesehnt habe. Und gerade dadurch hat es die Verbindung zwischen Ophelia und Alex nochmal schön verstärkt.
Die Schlagabtausche zwischen den Figuren fand ich übrigens richtig gut. Das Buch war an manchen Stellen wirklich lustig, ohne dass der Humor die düstere Stimmung kaputtgemacht hat. Es gab diese kleinen Momente, bei denen ich einfach Spaß hatte, weiterzulesen. Und ich habe mich tatsächlich richtig über den Spice gefreut, weil er sich für mich verdient angefühlt hat.
Trotzdem ist Nightshade für mich kein perfektes Fünf-Sterne-Buch. Ich kann gar nicht genau sagen, was am Ende gefehlt hat. Es war gut geschrieben, es war spannend, es hatte Humor, Emotionen, ein tolles Setting und Figuren, die ich mochte. Aber für die vollen fünf Sterne hat mir noch dieses letzte kleine Etwas gefehlt.
Das Ende hatte einen Cliffhanger, aber danach kamen noch ein paar Kapitel, die ich erst ein bisschen unnötig fand. Gleichzeitig haben sie aber auch geholfen, emotional etwas Abstand zur Geschichte zu bekommen. Man konnte einmal kurz durchatmen und war danach irgendwie bereit, direkt mit dem nächsten Buch weiterzumachen. Das fand ich im Nachhinein tatsächlich ziemlich gut gelöst.
Für mich ist Nightshade eine sehr empfehlenswerte Dark-Academia-Romance mit einem unfassbar starken Setting, einer verletzlichen Protagonistin, einer schönen Found-Family-Dynamik und einer Romance, die eher leise beginnt, aber trotzdem richtig gut funktioniert.
Ich werde Daybreak (Teil 2) auf jeden Fall lesen und freue mich wirklich sehr darauf. Und ganz ehrlich: Ich könnte mir sogar vorstellen, Nightshade irgendwann nochmal zu lesen. Einfach, weil dieses düstere, regnerische, geheimnisvolle Setting mir so viel gegeben hat. Und nicht oft genug gesagt: Es war auch super spannend.