Ich hätte nicht erwartet, dass mich Nightshade so unmittelbar in seinen Bann zieht doch schon nach wenigen Seiten war ich vollständig in der düsteren Welt der Sorrowsong University versunken. Das Buch entfaltet eine Sogwirkung, die mich kaum losgelassen hat.
Schon die äußere Gestaltung zieht einen magisch an, doch der Inhalt übertrifft diesen ersten Eindruck noch um ein Vielfaches.
Zu Beginn fühlte ich mich kurz an Harry Potter erinnert: vier Häuser, ehrwürdige Gebäude, ein traditionsbewusster Leiter. Diese klassischen Internatsmotive wecken sofort vertraute Bilder. Doch dieser Eindruck bleibt nur an der Oberfläche. Denn Nightshade schlägt eine deutlich dunklere, realistischere und emotional komplexere Richtung ein. Statt Magie begegnet man hier jungen Menschen aus einflussreichen Familien, die ihre eigenen Abgründe, Traumata und Geheimnisse mitbringen.
Die Atmosphäre ist von Anfang an schwer und bedrückend. Regen, Kälte, die altmodischen Räume und das unheimliche Bildnis von Achlsy schaffen eine Stimmung, die unmissverständlich klar macht: Diese Geschichte ist kein leichtes Lesevergnügen. Die Triggerwarnung zu Beginn ist absolut gerechtfertigt, denn Themen wie Mord, Depressionen, Trauer, Suizidgedanken, Gewalt und familiäre Belastungen sind zentrale Bestandteile der Handlung. Nightshade ist keine klassische Romance es ist eine Geschichte voller emotionaler Komplikationen, die intensiv, schmerzhaft und zugleich zutiefst faszinierend wirkt.
Besonders beeindruckt hat mich die Figurenzeichnung. Jede Person, ob Haupt- oder Nebencharakter, wirkt vielschichtig, verletzlich und schwer greifbar. Genau diese Ambivalenz macht den Reiz aus.
Ophelia, die Protagonistin, trägt ihren Namen wie ein literarisches Echo aus Hamlet. Wie Shakespeares Ophelia ist sie geprägt von innerer Zerrissenheit, Sensibilität und einer emotionalen Tiefe, die sie gleichzeitig stark und verletzlich macht. Sie fühlt alles intensiv, Wut, Liebe, Trauer, Sehnsucht und bewegt sich ständig zwischen Selbstbehauptung und Selbstverlust.
Alex hingegen trägt eine Last, die kaum zu ertragen ist: Verantwortung für seine sechs Schwestern, eine kranke Mutter und ein Vater, der mehr zerstört als schützt. Trotz allem hat er sich seine Wärme bewahrt. Er verkörpert Marc Aurels Satz: Die beste Rache ist, anders zu sein als derjenige, der einem Unrecht getan hat.
Die Dynamik zwischen Ophelia und Alex ist elektrisierend. Ihre Gespräche sind intensiv, emotional und oft überraschend tiefgründig. Gleichzeitig entfaltet sich ein Netz aus Beziehungen, Loyalitäten und Konflikten, das durch die Nebenfiguren u.a. Vincenzo, Belladonna, Divya, Colette , noch dichter wird. Jeder von ihnen trägt eigene Wunden und eigene Strategien, um mit Schmerz und Erwartungen umzugehen.
Der Schreibstil ist flüssig, bildhaft und emotional präzise. Die düstere Umgebung spiegelt sich in der inneren Welt der Figuren wider, sodass Setting und Emotionen zu einer stimmigen Einheit verschmelzen.
Und dann dieses Ende, ein Cliffhanger, der alles auf den Kopf stellt und mich mit einem einzigen Schlag vollkommen neugierig auf den nächsten Band zurücklässt.
Fazit
Nightshade ist eine atmosphärisch dichte, emotional vielschichtige Geschichte, die mit komplexen Figuren, einer bedrückenden, aber faszinierenden Stimmung und einer packenden Handlung überzeugt.