Bas Kast muss man in der Ernährungswelt eigentlich nicht mehr vorstellen. Der Ernährungskompass war ein Bestseller, hat unzählige Menschen für Ernährung begeistert und gleichzeitig viel Kritik aus der Fachwelt auf sich gezogen. Mit seinem neuen Buch wagt er sich nun an das nächste Mammutthema: Nahrungsergänzungsmittel. Wieder mit dem Anspruch, die wissenschaftliche Literatur für Laien verständlich zusammenzufassen und daraus praktische Empfehlungen abzuleiten.
Der Einstieg hat mich tatsächlich positiv überrascht. Kast betont gleich zu Beginn, dass Supplemente nur eine Ergänzung sein können und Gesundheit vorrangig abhängig von Genetik, Schlaf, Bewegung, Ernährung und anderen Lebensstilfaktoren ist.
Auch die Stärke des Buches zeigt sich schnell. Kast kann komplizierte Biochemie und Ernährungsphysiologie in eine Sprache übersetzen, die die meisten Laien verstehen können. Wer schon immer wissen wollte, welche Aufgaben Magnesium, Vitamin B12 oder Omega-3-Fettsäuren überhaupt im Körper erfüllen, bekommt einen leicht verständlichen Einstieg. Das macht Spaß zu lesen.
Leider beginnt genau dort für mich auch das eigentliche Problem des Buches. Immer wieder arbeitet sich Kast durch einzelne Studien oder Grundlagenforschung und endet anschließend mit einer persönlichen Empfehlung. Beim Magnesium L-Threonat etwa beschreibt er ausführlich Tierexperimente und erste spannende Daten und kommt schließlich zu dem Schluss, Menschen mit erhöhtem Alzheimer-Risiko könnten zumindest darüber nachdenken, es zu supplementieren. Beim Pilz Lion's Mane passiert etwas Ähnliches: Er erklärt selbst, dass die Forschung noch ganz am Anfang steht, verweist auf In-vitro-Studien, Tiermodelle und kleine Humanstudien und empfiehlt Demenzpatienten trotzdem, eine Einnahme in Erwägung zu ziehen. Genau an diesem Punkt steigt für mich der Journalist aus der Rolle des Erklärers aus und in die eines Ratgebers ein. Und das halte ich für problematisch. Denn natürlich kann man Studien lesen. Die eigentliche Herausforderung liegt aber nicht darin, einzelne Publikationen spannend zu finden, sondern sie in den Gesamtkontext der Forschung einzuordnen. Genau deshalb gibt es Gesundheitsbehörden und Fachgesellschaften wie die DGE oder die EFSA. Dort bewerten Expertengremien über Jahre hinweg die gesamte Evidenzlage und formulieren daraus Handlungsempfehlungen. Warum sollte die persönliche Einschätzung eines einzelnen Wissenschaftsjournalisten belastbarer sein als dieser wissenschaftliche Konsens?
Besonders aufgefallen ist mir, dass Kast häufig einzelne beeindruckende Zahlen nennt etwa eine um 32 Prozent reduzierte Gesamtsterblichkeit ohne sie wirklich einzuordnen. Relative oder absolute Risiken? Klinische Relevanz? Konfidenzintervalle? Solche statistischen Fragen bleiben meist außen vor. Gleichzeitig weist er zwar darauf hin, dass manche Studien nur assoziativ seien, schiebt aber oft direkt ein: aber immerhin hinterher und baut darauf seine Argumentation auf. Das wirkt auf mich inkonsequent.
Auch seine Darstellung wissenschaftlicher Kontroversen fand ich teilweise schwierig. Wenn große Fachgesellschaften auf der einen Seite stehen und einzelne bekannte Ärztinnen oder Ärzte mit großer Social-Media-Reichweite auf der anderen, entsteht im Buch manchmal der Eindruck zweier gleichwertiger Lager. Dabei beruhen die Leitlinien dieser Fachgesellschaften längst auf genau den Studien, die Kast ebenfalls zitiert. Sie kommen lediglich zu einer anderen Gesamtabwägung.
Dabei möchte ich ihm gar nicht absprechen, dass er den Anspruch hat sorgfältig zu arbeiten. Im Gegenteil: Positiv fand ich, dass er frühere Aussagen korrigiert. Wer Der Ernährungskompass gelesen hat, erinnert sich vielleicht an die damalige positive Darstellung von Rotwein. Diese Empfehlung nimmt Kast inzwischen ausdrücklich zurück. Diese Bereitschaft, die eigene Meinung anhand neuer Daten zu ändern, rechne ich ihm hoch an.
Trotzdem bleibt bei mir am Ende das Gefühl, dass dieses Buch eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre. Nicht, weil Nahrungsergänzung unwichtig ist, sondern weil die eigentliche Arbeit längst getan wurde: von Fachgesellschaften, Leitlinienkommissionen und Wissenschaftlerinnen, die nichts anderes tun, als genau diese Evidenz zu bewerten. Kast fasst Studien verständlich zusammen, wählt aber am Ende doch wieder selbst aus, welche ihn persönlich überzeugen und welche Empfehlung daraus entstehen soll.
Die Pointe kam für mich ganz zum Schluss. Kast verweist auf seine Website, auf der er die Forschungslage künftig aktuell halten möchte. Dort wartet dann vor allem eines: sein eigenes Produkt. Ein Multivitaminpräparat. Project Slowager. Natürlich science based. Irgendwie passt das erstaunlich gut zu diesem Buch.