Was noch zu tun bleibt
Manche Dinge erledigen sich im Angesicht des Todes von selbst: "Die Notwendigkeit der Zahnvorsorgeuntersuchung und der Krebskontrolle war entfallen [...]." So makaber wie in diesem Beispiel geht es nur teilweise in dem aktuellen Roman von Bernhard Schlink zu. Meist sind es letzte Fragen an das Leben, die dem Buch Struktur und Inhalt geben - und dem Leser die Möglichkeit, sich zumindest auf ähnlichen Gedankenpfaden zu bewegen. Das allein macht dieses Buch schon lesenswert.Kann man mit dem Tod verhandeln? Im Zeitalter der rasanten medizinischen Entwicklungen scheint es in Teilen möglich. Etwa mehr Zeit herausschinden, für all die Dinge, die noch zu tun wären, noch etwas erleben, zumindest im Rahmen seiner Familie. Prioritäten verschieben sich, der Blick wird klarer, auf das Wesentliche fokussiert (im besten Fall), aber immer unter dem Fallbeil der Frage: Warum kommen manche Erkenntnisse erst so spät, so spät, dass es fast zu spät ist?Hier am Beispiel eines emeritierten Juristen (wobei das Rationale des Berufes im Bewusstsein der begrenzten Zeit mit den Emotionen verschwimmt) dargestellt, der mit 76 Jahren noch mitten im Leben zu stehen scheint, befeuert von einer jungen Frau und ihrem gemeinsamen sechsjährigen Sohn. Was sonst soll Zukunft beinhalten? Wenn da nur nicht dieser blöde Krebs wäre, Bauchspeicheldrüsenkrebs, unheilbar ... "Wohl nicht länger als ein halbes Jahr." Wäre er bloß nicht zum Arzt gegangen, so ein erster Gedanke. Auch wenn ihm bewusst ist, dass kaum etwas von ihm die Zeit überdauern wird, so will der zumindest seinem Sohn etwas hinterlassen. Er verfasst Briefe an seinen Sohn über die Liebe ("Die Liebe kann dich verändern und zu dem machen, der du eigentlich sein sollst und willst."), Gerechtigkeit und Zufall. Und über Gott und die Bibel ("[...] ich mag den Gott der Bibel nicht. Warum erschafft er die Welt, wenn er sich nicht um sie kümmert, sondern sie sich selbst überlässt? Aus Langeweile, soll ihn das Treiben der Menschen unterhalten?"), über Arbeit Leben und Tod.Zum Schluss bleibt das Resümee: "Nein, für das Leben lässt sich keine Bilanz ziehen. Man macht dies und macht das, und am Ende war's ein Leben. Mehr nicht." Dem lässt sich nichts hinzufügen ...