
Besprechung vom 12.04.2021
Der Streit um die Lieferketten
Ein Plädoyer für strengere Regeln
Zu diesem Buch soll es auch ein Gesetz geben: Das Lieferkettengesetz dürfte noch vor Ablauf der Legislaturperiode im Bundestag beschlossen werden. Darauf hat sich die Bundesregierung im Februar verständigt. Ihr Entwurf ist - bei diesem seit Jahren stark umstrittenen Thema nicht überraschend - ein Kompromiss: Ab dem Jahr 2023 sollen große Unternehmen aus Deutschland auch bei ihren Zulieferern darauf achten müssen, dass die Menschenrechte eingehalten werden. In der Schweiz trägt ein ähnliches Vorhaben den Titel "Konzernverantwortungsinitiative". Auch sie wird zu einem Parlamentsentwurf im kommenden Jahr - allerdings lediglich in abgeschwächter Form. Zwar hatten Ende November knapp die Hälfte der Schweizer in einem Referendum für die Initiative gestimmt, aber nicht die ebenfalls erforderliche Mehrheit der Kantone. Parallel arbeitet auch schon die Europäische Kommission an einem Entwurf für eine verbindliche EU-Sorgfaltspflicht.
Warum kommt so viel Bewegung in dieses Thema? Weil dies überfällig sei, sagen Befürworter einer - strengeren - Regulierung der Lieferketten. Auch der Wirtschaftsjournalist Caspar Dohmen plädiert in seinem Buch für eine stärkere Regulierung. Man muss seine Ansicht nicht teilen, aber wer verstehen will, was sich wirtschaftshistorisch und auch ganz aktuell hinter dieser Debatte verbirgt, der wird bei Dohmen fündig. Er zeichnet die Geschichte der Lieferketten nach, ausgehend vom Frühkapitalismus über ihre Ausweitung im Zeitalter des Imperialismus bis hin zu ihrem abermaligen Ausbau seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Dabei stellt er vermeintliche Gewinner und Verlierer in der Kette Anbau, Produktion, Transport, Verkauf und schließlich Konsum gegenüber. Dohmen veranschaulicht seine Ausführungen anhand von Statistiken der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen.
Auslöser für die Lieferkettenregulierung war laut Dohmen ein Ereignis, das rund um die Welt für Schlagzeilen sorgte: Rana Plaza. Beim Einsturz des achtgeschossigen Fabrikkomplexes in Bangladesch im April 2013 wurden Tausende Menschen unter den Trümmern begraben - es war das schwerste Unglück in der Geschichte der Textilindustrie. Für Dohmen ist dieses Ereignis für die Lieferkettenregulierung, was Fukushima für die Energiewende war: die Katastrophe, die die Politik - zumindest in einigen Staaten - zum Umsteuern veranlasst hat.
THOMAS SPECKMANN
Caspar Dohmen: Lieferketten. Risiken globaler Arbeitsteilung für Mensch und Natur. Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2021. 176 Seiten
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