Wir verstehen unsere eigene Zivilisation nicht, meint Claudia von Werlhof. Wir glauben an das Narrativ von der Moderne als der besten aller Zivilisationen und ihre Utopie einer höheren Neuschöpfung der Welt. In Wirklichkeit aber geschieht das Gegenteil die von uns allen betriebene zunehmende Zerstörung der Lebensbedingungen auf Erden. Von außen betrachtet, sind wir Wahnsinnige, die sich mit aller Kraft auf ein selbst geschaffenes Nichts zubewegen.
Wie ist diese Verkehrung der Welt, wie die Apokalypseblindheit und Irrationalität, die kollektive Unbewusstheit zu erklären? Und wie kann der eingeschlagene Weg noch rechtzeitig verlassen werden? Hierfür wurden drei zentrale Fragen untersucht: Woher kommt eigentlich unsere Zivilisation und worauf steuert sie zu? Gibt es einen Plan oder ein höheres Ziel? Und falls ja, mit welchen Mitteln soll es erreicht werden?
Diese Fragen, so die Autorin, erweisen sich als roter Faden durchs Labyrinth!
Band 1: Antike bis Neuzeit
Im Mittelpunkt von Band 1 stehen die historischen Ursprünge unserer Zivilisation von der Antike bis zur Neuzeit. In der Antike geschieht ein zivilisatorischer Umbruch: Die Welt und ihre Lebensformen gelten von nun an als niedrig, unvollkommen und verbesserungsbedürftig. Das ist Idee und Programm von selbsternannten Vätern (Patriarchat), die sich mit Krieg und Gewalt gegen die frühere Weltzivilisation der Mütter, eines friedlichen Matriarchats, durchgesetzt haben. Die Abwertung des mütterlichen Ursprungs in der Natur hat seine Vernichtung zum Ziel: mater arché soll durch pater arché ersetzt werden, womit der Vater und nicht mehr die Mutter den Anfang von allem bilden würden.
Mithilfe einer neuen Technik, der patriarchalisierten Alchemie, sucht man das Projekt einer Hoherschöpfung umzusetzen. Die Alchemie gelangt aus Ägypten nach Europa und wird seit der Renaissance von den aufstrebenden Naturwissenschaften übernommen, welche weiterhin das mechanische alchemistische Standardverfahren aus Mortifikation (Tötung, Zerlegung), Großem Werk (Neuzusammensetzung/Neuschöpfung) und der Wirkung eines Steins der Weisen anwenden. Der Krieg der Väter gegen das Leben nimmt schließlich mit der Inquisition im christlichen Europa Fahrt auf.
Band 2: Moderne und danach
Die Neuschöpfung der Welt der Fortschritt wird zur Dynamik gesellschaftlicher Entwicklung. Die Utopie von Francis Bacon nahm vorweg, was heute geschieht: die Maschinisierung der Welt, letztlich auch des Menschen. Die Maschine als neue Technik gilt aufgrund der Energie, mit der sie läuft, als Erfindung des eigentlichen Lebens und einer besseren Natur. Der patriarchale Hass auf alles von sich aus Lebendige und dessen Leugnung seitens der Naturwissenschaft überhaupt münden in das Alchemistische Kriegssystem der Moderne als letzter Phase der Zivilisation des Patriarchats, organisiert als Kapitalismus , der die unumkehrbare Transformation von Natur in das Bessere, Kapital , auf profitable Weise gewährleistet. Gewalt und Zerstörung werden verdrängt, denn das Ziel kann nicht anders als genau dadurch erreicht werden. Damit droht uns der Omnizid: das Nichts, der Tod von allem.
Heute entsteht die Gesellschaft als Megamaschine , in der es nurmehr Insassen und kein Außen mehr gibt. Geschlechter, Mütter, Homo sapiens, Geist und Seele sowie von Natur aus Lebendiges haben Höherem zu weichen, am Ende der Gottmaschine . Atom-, Bio- und Nanotechniken, KI und Geoengineering, die Protagonisten der vierten industriellen Revolution, verwandeln den Planeten in eine Kriegswaffe, alle Natur wird zweite Natur bzw. Maschine. Trans- und Posthumanismus stehen vor der Tür. Eine totalitäre Thanatokratie, die den Primat der Technik durchsetzt, das Patriarchat wäre am Ziel . . . Es sei denn, wir durchschauen den Betrug, die Tautologien und Verkehrungen, den Nihilismus, Fetischismus und Sadismus, die Wahnhaftigkeit und Primitivität des Projekts. Erst dann können wir uns auf den Weg begeben in eine postpatriarchale Zivilisation.